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„Ich schlachte meine Rinder selbst.“

Melanie Pichler führt mit ihrer Familie einen Bilderbuch-Bauernhof in Zell am See. Wie sie zur Landwirtschaft und Bio Produkten steht, verrät sie uns in einem erfrischend ehrlichen Interview.

Der Augut Hof ist ein beliebter Anlaufpunkt in Zell am See. Touristen und Einheimische decken sich hier mit den verschiedensten Köstlichkeiten ein. Wer auf den Hof kommt, darf vom Kühe melken bis hin zur Schnapsverkostung alles miterleben. Eigentlich wollte ich nur kurz den Laden begutachten, aber dann traf ich Melanie und sie hatte so viele spannende Dinge zu erzählen, dass ich einfach spontan ein Interview mit ihr machen musste.

Vreni: Wie viele Leute wohnen auf dem Hof und arbeiten hier?

Melanie: Meine Großeltern, meine Eltern und meine zwei Schwestern, wenn die am Wochenende zu Besuch kommen.

Zell am See Augut Hof

V: Was stellt ihr hier alles her?

M: Viel. Bei den Milchprodukten: Käse, Butter, Frischkäse. Dazu natürlich auch Fleischprodukte: Frischfleisch, geräucherter Speck, geräuchertes Rindfleisch und diverse Wurstsorten. Dann haben wir noch 40 Marmeladensorten – die macht meine Mama. Ein wenig Schnaps und Liköre brennen wir auch. Honig kommt von unseren Bienen. Ach und Wild haben wir auch, wenn es welches gibt. Das schieße ich zum Teil auch selbst.

Zell am See Augut Hof

Der Augut Hof in Zell am See – ein Bilderbuchbetrieb

 

V: Wenn ich mir euren Hof so ansehe, finde ich als Laie, dass er sehr vorbildlich geführt ist. Trotzdem sagst du, dass ihr kein Bio Hof sein wollt. Warum?

M: Für uns zählt das Regionale. Bio ist mittlerweile ein so großer Begriff. Wenn es im Winter im Supermarkt Bio-Erdbeeren aus Spanien gibt, dann macht das für mich keinen Sinn. Saisonal ernähren ist für mich das Schlagwort. Außerdem gibt es für mich bei Bio gewisse Auflagen, die einfach komplett stimmen müssen. Ich kann meinen Bienen ja nicht verbieten, auf das Nachbarfeld zu fliegen, auf dem mit Kunstdünger gearbeitet wird. Wenn die Biene jetzt damit Honig produziert, ist das für mich kein Bio mehr. Ein anderes Beispiel ist Bio-Wildfleisch auf manchen Speisekarten. Wild, das sind freilebende Tiere. Wenn man das extra noch dazu schreibt, dann ist das Wort „Bio“ für mich abgedroschen.

Zell am See Augut Hof

V: Was würde sich ändern, wenn ihr ein Bio Hof wärt?

M: Bio Landwirtschaftsbetriebe müssen Bio-Futter kaufen, das natürlich ein Paar Cent teurer ist. Wenn wir Bio wären, dann könnten wir unsere Produkte teurer verkaufen, aber im Endeffekt hebt sich das doch auf. Wenn ich teures Bio-Futter für meine Tiere kaufen muss, dann ist die Spanne gleich und ändert sich nicht.

Augut Hof Zell am See

V: Was für Tiere habt ihr auf dem Hof?

M: Wir halten das typische Pinzgauer Rind aus unserer Region hier in Zell am See, 30 Tiere sind das. Früher waren diese Rinder eine Dreinutzungsart (Fleisch, Milch und Zugleistung), mittlerweile ein Zweinutzungsrind (Fleisch und Milch). Sie haben robuste und starke Beine und einen guten Körper, der perfekt für unsere Felder ist. Über das Jahr halten wir mittlerweile auch 30 Schweine. Dann laufen noch paar Hühner rum und ein paar lustige Enten. Ein Hofhund gehört natürlich auch auf den Hof und zwei Hofkatzen.

Augut Hof Zell am See

V: Du schlachtest auch selbst. Wie läuft das ab? Und wie krass ist das für dich persönlich?

M: Natürlich ist das nicht einfach. Wenn du ein Rind zwölf Jahre lang betreust und schaust, dass es ihm gut geht, dass es immer frisches Gras zum Fressen hat, genügend Wasser, die Liegefläche immer sauber ist, du es hegst und pflegst, dann verdrückst du bei der Schlachtung schon auch ein Tränchen. Irgendwann kommt aber die Zeit, wo das Tier gehen muss. Du kannst nicht jedes Tier ewig auf dem Hof halten, so ist eben die Landwirtschaft. Man darf nie den Respekt vor den Tieren verlieren. Ich habe ein eigenes Schlachthaus. Die Tiere haben also wenig Stress, müssen nicht auf einen LKW verladen werden und sie kommen nicht zu irgendwelchen Menschen, von denen wir nicht wissen, wie sie mit dem Tier umgehen. Kein Tier hat es verdient, auf dem letzten Weg getrieben und geschlagen zu werden.

Augut Hof Zell am See

V: Haben eure Tiere Namen?

M: Die Kühe ja, die Schweine nicht. Die Schweine sind nicht so lange auf dem Hof. Wenn sie zu uns kommen, dann sind sie 12 Wochen alt, geschlachtet werden sie mit etwa 6 Monaten. Diesen Sommer hatten wir 23 Stück. Wenn dann alle irre durcheinander laufen und sie alle gleich aussehen, ist es ein bisschen schwierig mit Namen. Wer ist jetzt der Hans oder der Fritz?

Augut Hof Zell am See

V: Sie haben ja auch keine Glocke oder sonst irgendwas um.

M: Nein, auch nicht. Bei den Kühen ist es etwas einfacher, weil die Farbmuster sich unterscheiden. Kühe erhalten auch erst einen Namen sobald sie das erste Kalb geboren haben. Kälber bekommen keine Namen, weil immer etwas mit ihnen passieren könnte. Sobald ein Tier einen Namen trägt ist die Verbindung viel größer und dann ist es um einiges schwieriger, es wegzugeben.

Augut Hof Zell am See

V: Wie ist es für dich so als Landwirtin in der heutigen Zeit mit Massentierhaltung und Co.?

M: Ich glaube, die Massentierhaltung kann man deutlich eindämmen, wenn die Leute mehr auf regionale Produkte achten oder direkt zum Bauern gehen. Der Bauer hat seinen Preis. Er bekommt beispielsweise zwischen 0,30€ – 0,40€ pro 1L Milch. Dazu kommen die Kosten für Transportunternehmen und die verarbeitende Molkerei. Dann wieder ein Transport zum Supermarkt und der Markt möchte ja auch daran verdienen. Das sind weitere 3-4 Branchen, die ihren Anteil haben wollen. Kauft man regional beim Bauern oder auf Märkten, kann das alles umgangen werden.

Zell am See Augut Hof

V: Was sind deine drei Lieblingsprodukte aus eurem Hofladen?

M: Auf jeden Fall Marmelade – Johannisbeere oder Erdbeeren und Marille. Als zweites unseren Bockshornklee-Käse. Der ist so schön nussig. Zu guter letzt liebe ich unseren Vogelbeerschnaps, sehr speziell, aber super.

 

 

V: Bist du glücklich?

M: Ja. Als Kind war es nicht so einfach. Wenn meine Freundinnen im Sommer ins Schwimmbad gegangen sind, musste ich zum Beispiel die Heuernte einbringen oder andere Aufgaben erledigen. Das haben die Anderen nicht verstanden, es war ein harter Kampf. Doch je älter ich werde, desto mehr weiß ich zu schätzen, was ich hier habe.

Danke, Melanie, für deine herzliche Art, für deine Offenheit und die Transparenz auf eurem Hof in Zell am See. Von euch sollten sich andere Landwirte und auch wir Konsumenten eine dicke Scheibe (zum Beispiel Rauchfleisch…) abschneiden.

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Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.