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DDR-Möbeldesign

Ostalgie und Wohnkultur – Möbeldesign in der DDR

„Der Sozialismus bietet die Gewähr, dass die Menschen sich ihr Leben in Zweckmäßigkeit und Schönheit einrichten können“. So hieß es, doch wie sah die Realität aus? Heute in unserer Themenwoche zur deutschen Einheit: Möbeldesign in der DDR.

Zwischen praktischem und ideologischem Design

Seit dem Fall der Berliner Mauer vor 28 Jahren wächst das Interesse am Möbeldesign der DDR immer mehr. Neben der bekannten „Ostalgie“, seien auch kulturgeschichtliche und designtheoretische Ansätze entstanden, die den Zusammenhang zwischen einer sozialistischen Ideologie und einem ästhetischen Verständnis darstellen. Möbeldesign und Ideologie? In der DDR sollten Möbel nicht nur praktisch sein, sondern auch ideologisch funktionieren. Aber wie entstand eigentlich das heute typisch sozialistische Design?

Möbeldesign in der DDR

Wohnkultur? Bildquelle: Über das Leben und Wohnen am Straußberger Platz, Karl-Marx-Allee in Ostberlin, Stephan Schilgen.

Aufbruchstimmung und Wiederkehr

Die 1950-er Jahre in der DDR: Das berühmte Bauhaus war geschlossen, doch wo waren alle Absolvent*innen hin? Es herrschte Aufbruchstimmung in der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Berlin, Halle, Dessau, Dresden, Weimar, überall hin kehrten die rehabilitierten Bauhausabsolvent*innen zurück und führten ihre Arbeit fort. Viele von ihnen kamen als Lehrer*innen an die frühere staatlich-städtische Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. 1958 als Hochschule für industrielle Formgestaltung wiedereröffnet, etablierte sich die neue Meisterschule des deutschen Handwerks in der DDR.

DDR-Designpapst mit System

Schon mal etwas von Rudolph Horn gehört? Nein? Dabei stellt er die zentrale Figur für das Möbeldesign in der DDR und somit eine Art Designpapst dar. Horn hat die Entwicklung vom Einzelmöbel hin zum raumbildenden Möbelelemente-System mitbestimmt. Möbeldesign, das erst im Gebrauch zu seiner wahren Geltung kommt.

Möbeldesign in der DDR

Designpapst Rudolf Horn mit Kolleg*innen und ehemaligen Studierenden. Bildquelle: einfach – offen – nützlich. Möbel- und Raumgestaltung von Rudolf Horn und Schülern, Burg Giebichenstein, Halle 2000.

Horn war zwischen 1959 und 1966 für die Gestaltung sämtlicher Ausstellungen und Messen der Möbelindustrie der DDR im In- aber auch Ausland verantwortlich. Als Leiter des Zentralen Entwurfbüros der Möbelbranche traten er und seine Mitarbeiter mit ersten Möbelprogrammen an die ostdeutsche Öffentlichkeit. Die Innengestaltung einer Wohnung in einem Experimentalbau des damaligen Neubaugebietes Berlin-Fennpfuhl im Jahr 1962 begleitete die Anfänge des industriellen Bauens der DDR. Es sollte zeigen, wie in den neuen noch unbe- und ungewohnten Wohnungen gelebt werden kann. Das Anbaumöbelprogramm „Leipzig 4“ aus dem Jahr 1964, ging auf den typisierten Wohnungsbau ein und war für den Export gedacht. Die DDR war – nach eigener Aussage – zu diesem Zeitpunkt der größte Möbelexporteur der Welt.

MDW – Möbeldesign mit Programm

MDW, das bedeutet: Möbelprogramm Deutsche Werkstätten. Dieses komplette Modulsystem für alle Bereiche der Wohnung (nur nicht für Küche und Bad) umfasste ein Grundprogramm an Sitz- oder Aufbewahrungsmöbeln und Tischen für die gute „alte Stube“ sowie ergänzend dazu Möbel für Schlaf-, Kinder- oder auch das berühmte Jugendzimmer, Arbeitsräume und den Eingangsbereich. Das Programm war auf eine hochproduktive industrielle Massenfertigung von Einzelteilen angelegt, die erst von seinen Käufer*innen zusammengefügt wurden. Das MDW Programm wurde 24 Jahre lang in wechselnden Varianten mit steigenden Stückzahlen hergestellt. Damit gehört es zu den am längsten produzierten Möbelsystemen in Europa.

Möbeldesign in der DDR

MDW Programm, Rudolf Horn, 1967, in Zusammenarbeit mit Eberhard Wüstner, Hersteller: VEB Deutsche Werkstätten Herllerau. Bildquellen: einfach – offen – nützlich. Möbel- und Raumgestaltung von Rudolf Horn und Schülern, Burg Giebichenstein, Halle 2000.

Die 1970er – Bauhauserbe und Pressspankerne

Bis zur Wiederkehr der Baushauseröffnung in Dessau am 4. Dezember 1976 als Amt für Industrielle Formgestaltung, vollzog sich die Aneignung des Bauhauserbes theoretisch besonders in Arbeiten zum Funktionalismus und zur Geschichte des Bauhauses. Besonders aber auch pädagogisch in der Ausbildung von Gestaltenden.

Möbeldesign war nun auch im Alltag der DDR angekommen. PUR, ein thermoplastischer Werkstoff aus Polyurethan, der formgeschäumt werden kann, wurde als Ersatzmaterial auch in der Möbelindustrie genutzt. Zur Versteifung und Verfestigung der entstandenen Korpusse wurden Pressspankerne eingeschäumt. Die Oberflächen der Möbel mit Pigmentlack versiegelt.

Möbel-Mode? Nicht wirklich. Einerseits waren es die Nöte der Planwirtschaft, die zu träge waren, um auf wechselhafte und verschiedene Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen, andererseits ihr Vorzug, Gegenstände bis zum totalen Verschleiß dauern zu lassen. Es wurde geschont, es wurde gepflegt oder kaum benutzt. Wer einmal seine Neubauwohnung mit dem neuen Möbelprogramm ausgestattet hatte, der kaufte so schnell kein neues Möbelstück. So kann hier die Wette eingegangen werden, dass noch heute in so manch einer Plattenbauwohnung der (sozialistisch kreative) Geist von Rudolf Horn herumschwirrt. Mode im Sinne eines Wechsels konnte in der DDR nicht entstehen. „Heute hingegen wäre es möglich, die industrielle Technologie der Großserie mit solchen der Kleinserie in Werkstätten oder aber auch mit solchen des Bastelns in den Garagen zu verbinden“. Also das Industrielle mit dem Individuellen, die Serie mit dem Unikat und den Standard mit der Mode.

Möbeldesign in der DDR

DDR Möbeldesign. (v.l.n.r.): Der aus PUR gefertigte Känguru-Stuhl. Schreibtisch der Deutschen Werkstätten Hellerau, Typenserie 602 des Bauhaus Schülers Franz Ehrlich. Schraubenloser Schichtholzstuhl „50642“ von Erich Menzel. Rattanstühle aus dem Programm der Eisu KG Themar. Swinger mit Bandstahl-Gestell. Bildquellen: Über das Leben und Wohnen am Straußberger Platz, Karl-Marx-Allee in Ostberlin, Stephan Schilgen.

Möbeldesign in der DDR – Im Osten was Neues…

Und heute? Alles was in der DDR gestalterisch entworfen war, geriet aus dem Blick. „Jeder biedere Ostbürger wollte Westware und stellte seine bisherigen Ostprodukte als Sperrmüll an den Straßenrand. Nun war egal, wie lange und wie gut die einheimischen Dinge ihren Dienst getan hatten, nun galt es als überflüssig, diese Dinge noch zu schätzen.“ Dem widersprach auch nicht die bereits kurz nach der Wende aufkommende Ostalgie. Werfen wir heute einen Blick auf das Möbeldesign in der DDR, so ist es schwer, dem schlichten und leisen Retro-Design seine Parallelen zum modernen skandinavischen Design abzustreiten.

Was bis heute noch fehlt? Die Integration des sogenannten DDR-Designs in die Würdigungen europäischer und weltweiter Designentwicklungen. Wie viel sozialistisches Design steckt in eurer Stube? 

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.