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Warum bescheißen wir uns eigentlich selbst?

Wenn wir die Nachrichten verfolgen, oder wahlweise unsere Social Media-Feeds, bekommen wir schnell das Gefühl, dass uns der Weltschmerz vollends übermannt. Oftmals nehmen negative Nachrichten so viel Raum ein, dass es, einmal daran festgebissen, schwerfällt sich auch wieder den positiven Dingen zu widmen. Kein Wunder also, dass viele von uns in einer Art Schockstarre verharren. Viele Themen gar meiden. Oder über einiges einfach nicht mehr nachdenken wollen.

Und dennoch finde ich mich immer wieder in Gesprächen wieder, die meist darin münden, dass wir doch alle etwas mehr tun müssten. Sei es nun, um unsere Gesellschaft vor Hetze und politischem Rechtsdrall zu bewahren, die Umwelt zu schützen, unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft zu überlassen oder auch soziale Karmapunkte zu sammeln, weil man sich um die gekümmert hat, die in unserer Gesellschaft immer wieder untergehen. Und das bisweilen im wahrsten Sinne.

Ich frage mich, warum es uns so schwerfällt die Verbindungen zu ziehen zwischen eigener Verantwortung, entschlossenem Handeln und der Veränderung der Gesellschaft. Wir verzichten auf den To-Go-Becher, um unser Umweltgewissen zu beruhigen, wechseln aber nicht unseren Stromanbieter. Wir teilen mit Tränen in den Augen die Bilder von ertrinkenden Geflüchteten im Mittelmeer, waren aber nicht einmal in der Flüchtlingsunterkunft bei uns im Ort. Wir finden Massentierhaltung ganz gruselig, essen beim Grillen aber auch die Wurst, von der wir nicht ganz so genau wissen, wo sie herkommt. Wir laufen bei Fridays For Future mit und jubeln Greta Thunberg virtuell zu, wollen aber trotzdem dreimal im Jahr ins Warme fliegen. Wir finden fair produzierte Mode zu teuer, brauchen aber unbedingt den neuen Nike-Schuhe, weil der einfach so gut aussieht. Wir gehen zum Yoga, um achtsamer zu werden, fluchen aber über die langsame Verkäuferin an Kasse 3.

Unter all diesen absurden Widersprüchen, die fast jede*r von uns jeden Tag lebt, formt sich bei mir immer wieder eine Frage im Kopf: Warum bescheißen wir uns eigentlich selbst? Warum leben wir eigentlich nicht nach den Werten, die wir, zumindest laut Teilungsverhalten in den sozialen Medien und Weingesprächen mit Freund*innen, als wichtig empfinden? Warum stehen unsere Entscheidungen immer wieder im Gegensatz dazu, was wir eigentlich wollen?

Die Wissenschaft nennt dieses Verhalten Value-Action-Gap. Also eine Lücke zwischen unseren Werten und unserem Verhalten. Was wir sagen oder denken, korreliert oftmals nicht mit dem, was wir tun. Für unsere tagtäglichen Entscheidungen spielen viele verschiedene äußeren und inneren Faktoren eine Rolle. Sei es bei einer Kaufentscheidung Qualität, Preis und Verfügbarkeit oder bei einer moralischen Entscheidung zum Beispiel Erfahrung, Prägung und soziale Erwünschtheit. Bei all diesen Faktoren kann es durchaus, gerade bei schnell zu treffenden Entscheidungen, passieren, dass gewisse Komponenten wie Umweltverträglichkeit oder politische Auswirkung außen vorgelassen werden können.

Denn es stimmt, die Einbeziehung aller Faktoren, aller Werte, die uns wichtig sind, ist eine immense Leistung und nicht selten mit großer Anstrengung verbunden. Immer wieder stoßen wir so an die Grenzen unserer eigenen Komfortzone und müssen feststellen, dass einige Entscheidungen eher unbequeme Auswirkungen haben. Sich bewusst in diese Unbequemlichkeit zu begeben, ist für viele, wenn auch teilweise unterbewusst, nur schwer vorstellbar oder gar unmöglich. Wir bleiben also lieber auf sicherem Terrain, damit wir nicht in unangenehme Situationen kommen. Wem kann man es verdenken? Keine*r von uns befindet sich gerne in einer selbstgewählten, unbequemen Position.

Und doch ist es gerade dieser Bereich, den wir immer wieder, immer mehr anstreben sollten. Um die großen Fragen unserer Welt zu klären, reicht es nicht, am Rand der Komfortzone ab und zu den großen Zeh ins eiskalte Wasser zu stecken. Wir müssen mit vollem Schwung eine beherzte Arschbombe ins kalte Nass machen. Denn die Zeit rennt uns davon. Und dabei ist es völlig egal, ob es sich um Klimaschutz, Politik oder Nachbarschaftsfragen handelt. Wir müssen lernen, unbequem zu werden, damit wir uns unsere Bequemlichkeit behalten können.

Wenn du also beim nächsten Mal mit deinem Freundeskreis darüber sprichst, wie schlimm du es findest, dass Eisbären in der Antarktis verhungern, weil ihr Lebensraum immer knapper wird, hinterfrage doch direkt mal dein Konsumverhalten und was das vielleicht genau mit dieser Eisbären-Geschichte zu tun haben könnte. Wenn du das nächste Mal über die Gentrifizierung in deinem Kiez schimpfst, mach dir selbst bewusst, dass du Teil davon bist und du noch nie bei der alten Nachbarin nebenan geklingelt hast, um dich nach ihr zu erkundigen. Wenn sich dann ein leichtes Schamgefühl einschleicht, weil du anscheinend gar nicht so genau nach deinen Werten lebst, ist es an der Zeit dein Handeln zu hinterfragen. Pro-Tipp: Werde einfach mal echt unbequem.

© Allie Smith/unsplash.com

Titelbild: © Ümit Bulut/unsplash.com