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Voll schwul, ey! Leben zwischen Toleranz und Akzeptanz

Jungs, die mit Mädchen spielen? Voll schwul! Homosexualität ist auch heute noch ein Thema, das ständig mit Toleranz und Akzeptanz zu kämpfen hat. So auch das Leben als schwuler Mann. Ein Erfahrungsbericht.

Auch 2018 sprechen wir noch über Toleranz und Akzeptanz, wenn es um Homosexualität geht. So lange diese beiden Begriffe mit Homosexualität in Verbindung verwendet werden, ist das Ziel nicht erreicht. Ob wir eines Tages keine Debatten mehr darüber führen, kann ich nicht beantworten. Denn leider gehe ich davon aus, dass dies lange nach meiner Zeit sein wird. Meiner Zeit, in der ich – dank vieler mutiger Kämpfer*innen für Gleichberechtigung – freier leben darf, als sie es selbst je konnten.

Diskriminierende Gesetzgebung der deutschen Geschichte

„Hier in Berlin wurde aber nie jemand dafür diskriminiert!“ Ach ja? Dann wird es Zeit für eine kleine Geschichtsexkursion. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist Homosexualität strafbar und wird verfolgt. Dank §175 des Strafgesetzbuches gab es dafür sogar eine rechtliche Grundlage. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet sich dazu, dass „Gleichgeschlechtliche Betätigung“ eindeutig gegen das Sittengesetz verstößt. Doch das ist noch nicht alles. In diesem Entscheid liegt der Grund, warum Homosexuelle sich nicht auf das im Grundgesetz garantierte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit berufen können. In den 1960er Jahren wird sexueller Kontakt unter Homosexuellen ab dem 21. Lebensjahr legalisiert. Noch 1978 gilt die Führung von Homosexuellenkarteien als notwendige Maßnahme zur Wahrnehmung der polizeilichen Sicherungsaufgaben. Nur einige Beispiele für diskriminierende Gesetzgebung der deutschen Geschichte.

Klischee-Keule mit Regenbogenfahne

„Heute sieht doch aber alles ganz anders aus.“ Stimmt leider nicht ganz. Es sieht anders aus, aber eben nicht alles. Nach Jahren der eingetragenen Lebenspartnerschaft kann ich seit dem letzen Jahr meinen Partner heiraten. Was das heißt? Gleiches Recht für alle. Egal ob hetero- oder homosexuelle Heirat. Doch Diskrimierung gehört auch heute noch zum Alltag vieler homosexueller Männer und Frauen. Die Toleranz steigt, die Akzeptanz versucht weiter zu wachsen, von „Normalität“ können wir jedoch noch nicht sprechen. Da helfen auch keine Pride-Kampagnen der Mode- und Textilbranche. 2018 setzt so gut wie jede bekannte Fashion-Brand auf die LGBT-Karte. Eine rosafarbene, ganz klar. Der bunte (Marketing-)Kampf der Gleichberechtigung besteht 2018 aus Regenbogen-Glitzer-Streifen-Hosen und pinken Pride-Prints. Eine tolle Sache? Nein. Erneut wird die Klischee-Keule geschwungen. Dieses Mal mit Regenbogenfahne dran.

There’s No Business Like Show Business

„Heute kann sich doch aber jeder outen!“ Nein, leider nicht. So wird ein Outing von prominenten Männern auch heute noch ein medialer Hit. Dass auch der Weg zum Outing ein Kampf sein kann, das weiß meist niemand. Geht es ums Show Business (vom professionellen Sport fange ich lieber erst gar nicht an…), geht es ums verkaufen – da erzähle ich euch ja nichts neues. Was verkauft sich wohl am Besten? Der schöne Mann von nebenan, ganz klar. Da schwärmt die Mama, zusammen mit der Tante und der Oma auf dem Sofa, sitzt schmachtend vor dem Fernseher und denkt: „Das wäre der perfekte Schwiegersohn für unsere Emma!“. Nope, wäre er nicht, denn er ist schwul. Das wissen unsere drei Damen nur nicht. Dahinter steckt mal wieder eine Gleichung, die das Show Business einmal aufgestellt hat. Schöner Hetero-Mann = Schwiegermutters Liebling = Kassenschlager. Der schwule Mann wird zum Quotenkiller. Damit der Rubel weiter rollt, lebt man öffentlich das Leben eines heterosexuellen Mannes. Ach, liebe Agent*innen, liebe Produktionsfirmen, denkt doch bei den lieben Müttern, Tanten und Omas, einfach mal an ihre schwulen Jungs. Die wollen auch unter die Haube. Und geht es um Zahlen, hier zum Schluss ein kleiner PR-Tipp von meiner guten, alten Freundin Samantha Jones: Erst kommen die Schwulen, dann die Mädchen und zuletzt die Industrie.

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Pride Flag, Bildquelle: Yannis Papanastasopoulos via unsplash.com

Jungs, die mit Mädchen spielen? Voll schwul!

Wenn wir schon bei Mama, Tante und Oma sind. Seit dem Kindergarten sind Frauen die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Da ist es noch total egal, wer mit wem befreundet ist – zumindest wenn es um das Geschlecht geht. Bei einem Ausflug stellen sich alle zum Durchzählen auf, Händchen haltend als Pärchen. Jeder nimmt die Hand des anderen, egal welches Geschlecht er hat. Umso älter wir werden, umso beschämter werden wir, wenn es darum geht, die Hand eines anderen Menschen zu halten. Die unseres eigenen Geschlechts. Denke ich weiter darüber nach, haben eigentlich nur Jungs ein Problem damit. Wenn mit dem Beginn der Pubertät explosionsartig Hormone in unserem Körper ausgeschüttet werden, lassen wir die Hand des anderen fallen.

Nun stehe ich da. Plötzlich wird alles sexualisiert, obwohl wir alle noch so jung sind. Eine Freundschaft zwischen Jungs und Mädchen? Nicht möglich. Zumindest für meine damaligen Mitschüler. Ein Junge, der nur mit Mädchen spielt, kann nur schwul sein. Denn Jungs spielen mit Jungs. Männer bleiben unter Männern. Schlagartig wird man zum Außenseiter. Ganz allein nimmt der Schulalltag voller Beleidigungen seinen Lauf und soll bis zum Ende der 10. Klasse halten. Leise, schüchtern, zurückgezogen und unsicher. Eigenschaften, die mich als Jugendlichen beschreiben.

Koffer packen für die Freiheit

Die Szenen meiner versteckt schwulen Jugend als heranwachsender Mann spielen im beschaulichen, niedersächsischen Braunschweig. Eine Stadt mit mehr als 280.000 Einwohner*innen, eine Großstadt ist sie jedoch nur auf dem Papier der Stadtverwaltung. Nicht nur politisch so konservativ wie manch ein kleines Dorf in Bayern. Eine schwule Szene? Fehlanzeige. Was macht man da, wenn man groß ist? Ganz klar, seinen Koffer packen, die Heimat hinter sich lassen und ein neues Zuhause in Berlin finden. Aber was ist mit den Jahren dazwischen? In diesen falle ich anderen Menschen ins Auge, weil ich nicht aussehe wie der hetero-normative Mann von nebenan. Der Paradiesvogel – in schwarz gekleidet, jedoch in einer Röhrenjeans und das im Jahr 2008. Voll schwul! Aber alles, was meinen Mitmenschen auf ihrem Lebensweg nicht für ihr allgemeines Verständnis von Männlichkeit mitgegeben wurde, kann nicht eingeordnet werden. Irgendwann entsteht eine neue Kategorie, sie bekommt den Stempel „schwul“.

Gekommen um zu bleiben

Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich hier der Mensch sein kann, der ich bin. Tausend anderen jungen Männern geht es wie mir. Viele sitzen gerade in ihrem Kinderzimmer und träumen davon, einmal in die Millionen-Metropole ziehen zu dürfen. Ist es nicht Berlin, dann sind es London oder New York. Schon immer haben diese Großstädte eine magische Anziehungskraft auf kreative Menschen, abenteuerlustige Menschen, aber auch Außenseiter. Die Großstadt nimmt alle Menschen in ihre Arme – so wie sie sind. Aber auch hier sind Toleranz und Akzeptanz nicht sicher. Auch hier existiert Diskrimierung. Beschimpfungen oder körperliche Angriffe auf offener Straße, keine Seltenheit. Der Unterschied? Ich bin nicht allein – denn in Berlin sind wir mehr!

 

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Vorschaubild via Unsplash

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.