TOP
Waldbaden

Entspannen in Südtirol – Was kann der Trend Waldbaden?

In Südtirol gibt es sie noch, die kleinen paradiesischen Orte, die uns mit ihrer atemberaubenden Natur in den Bann ziehen. So ein Ort ist Partschins. Gelegen auf 642 m Meereshöhe umgibt die kleine Ortschaft zwei Bergmassive: der Sonnenberg und der Nörderberg. Die Anreise kann ohne Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestritten werden, denn vor Ort benötigt ihr kein Auto. Hier gilt es die eigenen Füße zu aktivieren. Direkt am Eingang zum Naturpark Texelgruppe gelegen, bietet die Region zahlreiche Wanderwege. Es ist wirklich für jeden etwas dabei! Von entspannten Wiesenwegen, zu Panorama-Waalwegen hin zu den Höhen- und Hochgebirgstouren auf bis zu 3.000 Metern.

Partschins - Waldbaden

Der Aufstieg wird mit diesem tollen Ausblick ins Tal belohnt. Bildrechte © Tourismusverein Partschins – Helmuth Rier

Eine etwas andere Art die Natur zu erkunden ist das Waldbaden. Martin Kiem ist ausgebildeter Natur- und Waldtherapie-Führer und bietet das Waldbaden in Südtirol, in Partschins, an. Außerdem ist er Psychologe und Ernährungscoach und hat vor kurzem gemeinsam mit Co-Autorin Karin Greiner das Buch „Wald tut gut! Stress abbauen, Wohlbefinden und Gesundheit stärken“ veröffentlicht. Wir haben Martin zum Gespräch gebeten, um mehr über die Praxis des Waldbadens zu erfahren.

Was genau ist Waldbaden und für wen ist es geeignet?

Martin: Ich glaube für jeden Mann und jede Frau – eben nicht nur für den gestressten Manager. Beim Waldbaden geht es um die Naturverbundenheit. Das Grundkonstrukt ist das Herstellen der Verbindung zur Natur und in unserer Gesellschaft könnte jede*r davon profitieren. In der westlichen Welt ist die Naturentfremdung ein riesiges Thema. Die Herausforderung ist es, sich Momente im Alltag zu schaffen, um eine gefühlte Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt, zur Natur herzustellen. Ganz egal, ob du Student*in, Journalist*in oder Rentner*in bist.

Geht Waldbaden über einen Waldspaziergang hinaus? 

Das ist eine Frage der Terminologie. Für manche Menschen ist ein Waldspaziergang schon etwas sehr Intimes, Achtsames und Meditatives, aber generell gibt es einige Elemente die beim Waldbaden hinzukommen. Vor allem ist es viel bewusster. 

Waldbaden

Im Wald sollen wir dank Waldbaden unsere Ruhe wiederfinden. © Michal Parzuchowski/ unsplash.com

Gibt es bestimmte Kriterien, die beim Waldbaden erfüllt werden müssen?

Waldbaden ist ein ungeschützter Begriff. Es gibt Tausend Waldbaden-Lehrer*innen, -Trainer*innen und -Expert*innen und jede*r macht etwas Anderes. Ich kann nur von mir reden. Für mich sind die Hauptcharakteristiken: Langsamkeit, Gegenwartsbezogenheit und Sinnesorientiertheit. Die Langsamkeit ist unglaublich wichtig. Beim Waldbaden gibt es eine goldene Regel und die lautet: Bemerke einfach alles! Es geht darum die Natur zu erfahren. Je langsamer ich mich fortbewege, je achtsamer ich bin, umso mehr höre, sehe, rieche und schmecke ich. In einer Stunde Waldbaden schaffe ich 200 bis 300 Meter. Also weitaus langsamer als Spaziergehen.

Das Zweite ist die Gegenwartsbezogenheit. Heutzutage ist unser Kopfkino sehr aktiv, denn wir leben in einer Wissensgesellschaft und brüsten uns damit vieles zu wissen. Das Nachdenken ist meistens super hilfreich (lacht), aber manchmal auch eine Gefahr. Wenn du in den Wald zum Spazieren gehst und dir nach kürzester Zeit Gedanken über einen Artikel zum Thema Waldbaden machst, den du noch für Neverever schreiben musst, bist du mit deiner Taschenlampe der Aufmerksamkeit direkt woanders – wieder am Computer oder im Büro. Wir sind unachtsam durch die Gedanken, die sich in die Vergangenheit oder in die Zukunft bewegen. Unser Geist ist wie eine Zeitmaschine und es gibt drei Zeitzonen. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Beim Waldbaden spielt die Gegenwart – das Hier und Jetzt – eine unglaublich wichtige Rolle. 

Und das Dritte ist die Sinnesorientiertheit, um auf das Gehirn zurückzukommen. Unser Hirn hat zwei Funktionsweisen: Wir können über die Welt nachdenken oder die Welt wahrnehmen. Ein altes Zen-Sprichwort besagt: Denken frisst Wahrnehmung und Wahrnehmung frisst Denken. Das heißt, ich kann die Welt nicht wahrnehmen und mir gleichzeitig große Gedanken machen. Unsere Sinne sind der Schlüssel zur Wahrnehmung. Sie sind der Anker, um die Aufmerksamkeit in die Gegenwart zu bringen.

Waldbaden

Waldbaden ist langsam, gegenwartsbezogen und sinnesorientiert. © David Vig/unsplash.com

Welche positiven Effekte hat das Waldbaden auf uns Menschen?

Natürlich gibt es messbare Effekte, wie die Entspannung des Nervensystems, wenn man es regelmäßig und mehrmals zu bestimmten Zeiten macht. Auch das Hormonsystem profitiert und das Immunsystem dank der positiven Mikroorganismen. „The forrest holds the medicine.“ Der Wald hält für jeden die Medizin bereit, aber was die Person durch die Erfahrung mitnimmt, kann ich nicht wissen. Für viele ist es Entspannung, für manche das Gefühl dem Alltag zu entfliehen und für andere bedeutet das Waldbaden, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Der Philosoph Blaise Pascal hat mal gesagt: „Die meisten Probleme des Menschen rühren daher, dass sie nicht mehr in der Lage sind für längere Zeit mit sich selbst und in Stille an einem Ort zu verweilen.“ In der Natur lassen wir uns auf uns selber ein. Wenn ich in die Natur gehe, dann geht es nicht nur um die Natur, sondern um die Verbindung zu mir selbst – Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis ist manchmal eine bittere Pille, aber unglaublich wichtig zu erkennen.

Ist es denn möglich das in Gruppen zu erfahren oder sollte man Waldbaden alleine machen?

Das ist ganz unterschiedlich. Beruflich mache ich es mit Gruppen. Das hat mehrere Vorteile. Mit einem Waldbaden-Lehrer, -Führer oder -Guide hat man eine Person dabei, die mit der Materie vertraut ist und somit die anderen Personen anleiten kann. Ein langsames, über mehrere Stunden, Heranführen der Menschen durch kleine Übungen zu mehr Gegenwartsbezug und Entschleunigung. Dabei entstehen in der Gruppe positive Dynamiken. Auch in Berlin ist das sinnvoll. So kann man sich das mal anschauen und reinschnuppern und schließlich in der Selbstpraxis ausführen. Studien zeigen ganz klar: Je regelmäßiger, je länger ich diese Dinge mache, desto signifikanter sind auch die Ergebnisse.

Du bist gebürtig aus Südtirol und wohnst derzeit auch da. Ist die Natur dort besonders gut geeignet? Gibt es Besonderheiten?

Natürlich ist die Natur bei uns um fünf Prozent besser als überall anders auf der Welt. (lacht) Nein, ich will jede*n ermutigen – egal ob im Sauerland, in Berlin oder am Meer – Natur tut gut. Der Grundgedanke ist: Wenn ich als Stadtmensch nicht aus der Stadt rauskomme, dann gehe ich eben in den Stadtpark oder den Botanischen Garten, ziehe die Schuhe aus, erde mich, schließe die Augen und versuche mich auf die Vogelgeräusche zu konzentrieren. Die Taschenlampe der Aufmerksamkeit auf Riechzellen zu richten und wirklich mal zu riechen: das Gras, die verschiedenen Rinden von den verschiedenen Bäumen. Das sind alles schon Versionen von Naturverbundenheit und fördernde Techniken. Jedes bisschen Grün ist ein Startpunkt. Natürlich ist der unberührte Wald, in dem es keine störenden Geräusche gibt, idealer als der Botanische Garten – aber besser als nichts.

Partschins - Waldbaden

Der Partschinser Wasserfall ist mit 97 m Fallhöhe ein Naturereignis. Bildquelle: © Tourismusverein Partschins – Helmuth Rier 

Gibt es so absolute No Go’s, die man beim Waldbaden nicht machen sollte?

Wenn irgendwo Beschilderungen stehen, dass das Gebiet ein Nationalpark oder Biotop ist, sollte man dort nicht reingehen. Ökosysteme müssen geschützt werden. Ansonsten ist die richtige Ausrüstung, wie Wasser und lange Kleidung, um sich vor Insekten zu schützen, wichtig. Für die Orientierung ist das Handy ganz hilfreich, man kann es ja in den Flugmodus stellen. Also Waldbaden ist kein Survival Camp, es genügt schon 500 Meter in den Wald hineinzugehen.

Vielen, vielen Dank für das Interview!

 

Titelbild: © francesco gallarotti/ unsplash.com

Eva kam durch Vrenis legendären Flohmarkt zu neverever.me - nach einem Praktikum war klar, hier möchte sie bleiben. Jetzt ist Eva heißgeliebter Bestandteil des Teams. Nachhaltigkeit und Veganismus sind ihre Herzensthemen. Wenn sie nicht bloggt, dann findet ihr sie in der Uni-Bibliothek, wo sie (mal mehr mal weniger fleißig) für ihre Bachelorarbeit recherchiert.