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Soziale Medien

Soziale Medien – Neue Medien mit alten Geschlechterrollen

Mehrere Studien belegen, dass junge Frauen sich in puncto Soziale Medien in veralteten Stereotypen der 50er und 60er Jahre präsentieren. Lasziv, sexy, passiv. Dabei bietet das Internet die Möglichkeit, sich anders darzustellen. Warum existieren solch rückschrittliche Geschlechterrollen auf Social Media?

Soziale Medien

Maria und Elisabeth Furtwängler. Quelle: © Markus Nass für MaLisa

Weibliche Selbstinszenierung und Soziale Medien

Maria Furtwängler hat gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth die Stiftung MaLisa gegründet und mehrere Studien zur Ermittlung von Geschlechterdarstellungen in Auftrag gegeben. Bereits 2017 präsentierte die Stiftung eine Studie zur audiovisuellen Diversität in Film und Fernsehen und fand unter anderem heraus, dass Frauen hier deutlich unterrepräsentiert sind. Wenn sie in Film und Fernsehen auftauchen, dann oft im Kontext von Beziehungen und Partnerschaften. Überschreiten Frauen das 30. Lebensjahr, verschwinden sie fast völlig vom Bildschirm. Die aktuelle Studie der Stiftung MaLisa beschäftigt sich mit dem Thema Soziale Medien. Wie sieht das Geschlechterverhältnis hier aus und wie inszenieren sich junge Frauen? Eigentlich sollte das Internet doch allen die Möglichkeit bieten, sich kreativ und frei auszuleben. Man muss schließlich nicht erst zu einer Castingshow oder eine Schauspielausbildung machen, um auf YouTube zu landen. Die Studienergebnisse zeigen aber leider, dass Frauen in den Sozialen Medien weiterhin unterrepräsentiert sind und oft nicht ihren eigenen Weg gehen können.

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Maria Furtwängler, Eunique, Lisa und Lena, Stefanie Giesinger, Elisabeth Furtwängler und Tarik Tefsu. Quelle: © Markus Nass für MaLisa

Vermeintliches Erfolgsrezept? Gut aussehen und wenig Meinung

Es  überrascht, dass in den 100 beliebtesten Musikvideos, den 100 beliebtesten YouTube-Kanälen und den Top 100 Instagram-Accounts immer noch mehr Männer auftauchen als Frauen. Wir Frauen sind nicht nur unterrepräsentiert, wir beschränken uns auch auf wenige Themen, wie Beauty, Mode und Haushalt. Männer findet man dagegen in ganz unterschiedlichen Bereichen, wie Gaming, Politik, Musik bis hin zu Comedy. Es scheint so, als könnten sie machen worauf sie Lust haben, während Frauen in bestimmte Themengebiete gedrängt werden. Hinzu kommt, dass Männer sich als Experten auf ihren Gebieten präsentieren, während Frauen ihr Handeln häufig als Hobby darstellen.

MaLisa-Studie - Soziale Medien

Quelle: MaLisa Stiftung – Weibliche Selbstinszenierung in den Neuen Medien, 2019

Die in der Studie befragten YouTuberinnen finden, dass die Erwartungshaltung an Frauen eine andere ist als die an Männer. Wagt eine YouTuberin den Schritt aus ihrer sicheren Beautywelt, beispielsweise hin zur Comedy, so erhält sie viel mehr Gegenwind in Form von Hasskommentaren und Missachtung. Oft fehlt es an Mut und Standhaftigkeit, um eine neue Ausrichtung zu wagen und dauerhaft zu verfolgen. Weniger Klicks zu bekommen, bedeutet, auch weniger Geld einzunehmen und so führen beide Aspekte dazu, dass Frauen eher bei den gewohnten Themengebieten bleiben.

Auf Instagram dienen die Influencer*innen als Vorbilder für die jüngere Generation. Foto-Posen werden nachgeahmt, dieselben Orte besucht und Styles kopiert. Alles für das perfekt inszenierte Bild, das im besten Fall noch natürlich wirken soll. Eine Studienteilnehmerin sprach davon, dass sie bis zu 20 Anläufe benötigt, um das eine Bild zu produzieren, welches dann noch mit Filtern und Bildbearbeitungs-Apps bis ins letzte Detail optimiert wird. Die Ergbebnisse veranschaulichen, dass das ständige Vergleichen mit Anderen, und vor allem mit Influencer*innen, zu Defizit-Gefühlen führt. So haben zum Beispiel die Studienteilnehmer*innen, die Heidi Klum auf Instgram folgen, den Wunsch ihre Zähne aufzuhellen. Das eigene, natürliche Aussehen erscheint ungenügend. Daher optimieren junge Frauen ihr eigenes Äußeres mit standartisierten Filtern und Bildbearbeitungs-Apps.

MaLisa-Studie

Quelle: MaLisa Stiftung – Weibliche Selbstinszenierung in den Neuen Medien, 2019

Das Ergebnis sieht dann bei allen irgendwie gleich aus: Griff in die Haare, unschuldiger Blick, makellose Haut, viel viel Haut und natürlich im Urlaub aufgenommen. Dem normativen Schönheitsideal zu entsprechen, scheint die Online-Währung der heutigen Generation zu sein. Eine eigene Meinung weniger. So fasst Elisabeth Furtwängler treffend zusammen:

„Die Studienergebnisse haben uns vor eine Reihe von Fragen gestellt, auf die wir als Feministinnen zunächst keine Antwort haben: Warum sind die erfolgreichen Akteurinnen in den neuen sozialen Medien ausgerechnet die mit den rückwärtsgewandt erscheinenden Geschlechterrollen und wie können wir eine größere Vielfalt sichtbar machen? Dieses Thema geht uns alle an und darüber müssen wir diskutieren.“

Sozialen Medien

Bildquelle: instagram.com

Zwischen Vorbildfunktion, Inspiration und dem ständigen Druck zu performen

Zu Gast in der Kinemathek am Potsdamer Platz waren Stefanie Giesinger, die Zwillinge Lisa und Lena, die Rapperin Eunique sowie der YouTuber und Moderator Tarik Tesfu. Im Anschluss an die Vorstellung der MaLisa-Studie gab es einen Panel-Talk mit den Gästen.

Stefanie Giesingers Bilder auf Instagram zeigen sie perfekt inszeniert bis in die letzte Haarsträhne und oft freudestrahlend neben ihrem Freund Marcus Butler, der in Großbritannien selbst ein erfolgreicher Influencer ist. Aber können wir von einem Model, deren Job es ist, sich pefekt zu inszenieren, etwas anderes erwarten? Stefanie sagt selbst, dass bei Castings die erste Frage sei, wie viele Follower sie habe. Für sie zählt also nicht nur wie sie aussieht, sondern wie sie ankommt. Ist die vermutete Erwartungshaltung der Follower*innen der Grund, weshalb sich ihre Instagram-Bilder und die zahllloser anderer Influencer*innen so wenig voneinander unterscheiden? Stefanie sagt, sie möchte authentisch sein. Sie erzählt viel Privates auf Instagram und will ihren Follower*innen zeigen, wer wirklich hinter den Hochglanzfotos steckt. Vor allem in den Insta-Stories nimmt sie ihre Community mit in ihren Alltag. Ihr Motto: „Sei wie du bist. Fühl dich von Makeln nicht eingeschränkt. Habe Mut und stehe zu dir selbst.“ Eine tolle Erkenntnis. Wirklich. Doch für einen Menschen, der unseren gesellschaftlichen Schönheitsnormen entspricht, ist es einfach so etwas zu sagen. Auch Tarik Tesfu, bekennender Feminist, sieht hier ein Problem, denn wenn nur Menschen sichtbar sind, die diesen Normen entsprechen, dann können wir noch so oft sagen – sei wie du bist, stehe zu dir selbst. Die Bilder auf Instagram suggerieren eine Realität, die junge Frauen und Männer unter Druck setzt. Was helfen würde, wäre mehr Sichtbarkeit von Körpern, die nicht dem gängigen Ideal entsprechen, von Menschen mit starker Meinung, Menschen die auch mal anecken wollen.

Soziale Medien

Quelle: © Markus Nass für MaLisa

Lisa und Lena empfinden ihre Vorbildrolle als schwierig, denn sie seien selbst in der Pubertät und können die Rolle gar nicht ausfüllen. Sie möchten viel lieber inspirieren. 14 Millionen Follower*innen haben die Zwillinge auf Instagram und versuchen sich dem damit einhergehenden Druck nicht auszusetzen. Lisa und Lena bieten „Authentizität in einer Fake Welt“, zumindest wollen sie das. Auch hier frage ich mich, was Authentizität bedeuten soll. Sobald ich mich vor eine Kamera stelle, ist die Situation schon nicht mehr authentisch. Auch Tarik sieht in den Inszenierungen von YouTube-Videos und Instagram-Bildern eine per se nicht-authentische Situation, denn wir alle überlegen vor einer Kamera, wie wir uns darstellen. Man ist auch nicht authentisch, wenn man unter 100 perfekt inszenierten Fotos ein unvollkommenes postet.

Die Rapperin Eunique sieht vor allem den Vorteil, dass Künstler*innen durch Soziale Medien mehr Freiheiten haben. Sie kann sich so darstellen, wie sie will, ohne dass ihr ein Management Vorschriften macht. Ihre Community, ihre Entscheidung. Dabei unterscheiden sich ihre Bilder trotzdem nicht deutlich von denen anderer Influencer*innen. Bleibt diese Freiheit nicht auf der Strecke, wenn wir nur perfekt inszenierte Bilder posten?

Soziale Medien – Bilder erschaffen Schönheitsnormen

Sei du selbst, liebe dich selbst, sei wie du bist – das ist einfach gesagt, wenn man den Schönheitsnormen der Gesellschaft entspricht. Die meisten Menschen tun das eben nicht und es ist fatal, wenn das der Konsens ist. Wir alle müssen hinterfragen, wie wir uns in den Sozialen Medien darstellen und ob wir uns verstellen, weil es so von uns erwartet wird? Was passiert, wenn wir uns kreative Freiräume schaffen und nicht dem Mainstream hinterher eifern? Ohne den hundertsten Filter, ohne uns mit Anderen zu vergleichen. Lass dich inspirieren, aber versuche nicht zu kopieren. Akzeptiere dich selbst, so wie du bist. Die digitale Bilderwelt wird bunter und vielfältiger, wenn wir weniger versuchen Anderen zu gefallen, sondern den Mut haben so zu sein, wie wir uns selber mögen.

Titelbild: unsplash.de

Eva kam durch Vrenis legendären Flohmarkt zu neverever.me - nach einem Praktikum war klar, hier möchte sie bleiben. Jetzt ist Eva heißgeliebter Bestandteil des Teams. Nachhaltigkeit und Veganismus sind ihre Herzensthemen. Wenn sie nicht bloggt, dann findet ihr sie in der Uni-Bibliothek, wo sie (mal mehr mal weniger fleißig) für ihre Bachelorarbeit recherchiert.