TOP

Sind wir wirklich Einheit?

„Nur mit euch“ lautet das diesjährige Motto zum Tag der deutschen Einheit. 28 Jahre sind seit der Wiedervereinigung vergangen. Aber wieviel Einheit sind wir wirklich? Ich wage eine Kritik.

Am Brandenburger Tor singen heute abend Nena, Samy Deluxe, Philipp Poisel und 7 weitere Acts beim Bürgerfest. Keiner dieser Künstler kommt aus Ostdeutschland. Dann doch lieber #wirsindmehr statt #nurmiteuch? Das heutige Konzert symbolisiert recht gut, was gesellschaftlich immernoch ein Problem ist: Der Osten wird ausgegrenzt – oder fühlt sich zumindest so. Die politische Stimmung im Osten ist beängstigend. Ein Großteil wählt die AfD, die keinesfalls für ein weltoffenes, demokratisches Deutschland steht. 46% der Ostdeutschen gaben in einer Befragung an, mit dem Funktionieren der Demokratie nicht zufrieden zu sein. Ganze 66% finden, dass die Bundesregierung Sorgen zum Thema Zuwanderung nicht ernst nimmt und 52% glauben, dass Deutschland die vielen Flüchtlinge nicht verkraften kann (Quelle: statista 2018). Zum Thema Ausländer sei an dieser Stelle übrigens gesagt, dass 2015 der Ausländeranteil im Westen mit rund zwölf Prozent mehr als dreimal so hoch war wie im Osten (4%).

deutsche einheit

28 Jahre, zwei Monate, 26 Tage stand die Berliner Mauer. Auf der einen Seite „Antifaschistischer Schutzwall“, auf der anderen „kommunistische Schandmauer“. Meinungs- und Pressefreiheit gab es nicht in der DDR. Die deutsche Einheit hat natürlich viel Gutes, aber die Ängste der Bevölkerung müssen wir und vor allem auch die Politik unbedingt ernst nehmen, wenn wir nicht wollen, dass rechtspopulistische Parteien die unzufriedenen Wähler auf ihre Seite bringen. Und die sind nunmal vermehrt im Osten. 74% der Ostdeutschen und 53% der Westdeutschen gaben in einer Befragung aus dem letzten Jahr an, dass die Unterschiede von Ost- und Westdeutschland groß/eher groß sind (Quelle: statista). Das betrifft Arbeitslosigkeit, Renten, Gehälter und mehr. Unzufriedenheit schürt auch immer Ängste.

Aufgefangen werden diese Ängste von den großen Parteien nicht. Die Regierung ist selbst instabil und mit inner- sowie zwischenparteilichen Kämpfen beschäftigt, dass für gelebte Demokratie und das aufmerksame Auge auf die Gesellschaft kaum Zeit bleibt. Was daraus resultiert ist ein Gefühl von „Die da oben“ vs. „Die da unten“. Das Motto „Nur mit euch“ verstärkt dieses Gefühl bei mir tatsächlich noch. Es enthält nämlich kein WIR, es verhindert schon allein sprachlich für mich eine Einheit.

Eine Lösung kann ich euch nicht anbieten, nur den Impuls mitgeben, offen zu sein, auf die Straße zu gehen und Position zu beziehen. Das Ostberlin, in dem ich lebe, ist nicht rechts. Ich muss allerdings nur wenige Kilometer weiter und da zeigt es sich schon, das braune Gedankengut. Einheit bedeutet heute für mich, dem Hass zu begegnen. Hierbei geht es im Endeffekt auch gar nicht wirklich um Ost- und West. In ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus bemerken wir einen Rechtsruck. Hier entsteht also eine ganz andere Mauer, deren Bau es aufzuhalten gilt. Eine Mauer in den Köpfen zahlreicher Menschen. Die Tage, in denen wir uns schulterklopfend auf unserer Demokratie ausruhen können, sind vorbei. Jetzt gilt es, tagtäglich Demokratie zu leben, um Demokratie zu sichern.

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.