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DDR Mode

Selber nähen oder Schlange stehen – Mode in der DDR

Kleider machen Leute – Leute machen Kleider. Auch in der DDR. Modegruppen, Modenschauen und ein Modeinstitut. Der Unterschied zum Westen: Mode war staatlich geplant. Doch wie planbar kann sie sein? Ein Blick auf die Mode in der DDR. 

Von kultureller Massenarbeit und künstlerischer Amateurarbeit

Das Museum Europäischer Kulturen der staatlichen Museen zu Berlin verfügt in seiner mehr als 30.000 Objekte umfassenden Textilsammlung über ungefähr 180 Stücke, die in der DDR im Rahmen des „künstlerischen Volksschaffens“ größtenteils in Textilzirkeln und Modegruppen als künstlerische Amateurarbeit entstanden sind.

Künstlerisches Volksschaffen? Der Begriff stand in der DDR für eine staatlich organisierte, künstlerische Freizeitbeschäftigung und gehörte zur kulturellen Massenarbeit. Neben Gesangs- und Tanzgruppen gab es auch Gruppen aus dem Bereich der bildenden oder angewandten Kunst, wie der Malerei, Grafik und auch der Textilgestaltung. Meist waren es feste und über einen längeren Zeitraum bestehende Gruppen, die regelmäßig zu „Zirkeltreffen“ in Kulturhäusern oder fördernden Betrieben zusammenkamen. Der Textilzirkel war als künstlerischer Textilgestalter den angewandten Künsten zugeordnet. Aus diesen Textilzirkeln entwickelten sich später auch die sogenannten Modegruppen, die sich ausschließlich mit eigenem Design und der Präsentation der eigenen Kreationen beschäftigten. Ab den 1980er Jahren erfreuten sich die Modegruppen zunehmender Beliebtheit und sollten vor allem junge Menschen ansprechen. Und hier gab es nicht nur Frauen – wurden die Textilzirkel zwar explizit für Frauen ausgewiesen, fanden sich in den Modegruppen auch Männer, jedoch nur stark vereinzelt.

Cape aus der Kollektion "Freundschaft des Zirkels für künstlerische Textilgestaltung Potsdam. Filz, gefärbt und bedruckt, genäht Margot Schulz - (Druck), Hannelore Hoff (Schneiderin), ca. 1971. Bildquelle:Modegruppen und Textilzirkel der DDR, Die Sammlung im MEK, Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin.

Cape aus der Kollektion „Freundschaft des Zirkels für künstlerische Textilgestaltung Potsdam. Filz, gefärbt und bedruckt, genäht. Margot Schulz (Druck), Hannelore Hoff (Schneiderin), um 1971. Bildquelle: Modegruppen und Textilzirkel der DDR, Die Sammlung im MEK, Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin.

 

Freund oder Feind? Modegruppen vs. Modeinstitut

Verkauft und Getragen wurden die entworfenen Designs aber nicht im Alltag. Warum? Ein Verkauf der selbst designten Entwürfe war von staatlicher Seite lange Zeit nicht erwünscht und galt als unzulässig, wie es in einem Schreiben des Ministeriums für Kultur heißt. Mitte der 1980er Jahre kam es zu einer Lockerung und die Modegruppen konnte ihre Kreationen auf sogenannten „Volkskunstbasaren“ verkaufen. Anders heißt es in Zeitungsartikeln von damals, dass die Modegruppen dem damaligen Modeinstitut der DDR keine Konkurrenz sein wollten. Wollten, oder durften? Denn das Modeinstitut der DDR entwarf die Musterkollektionen für die Industrie. Modetrends nach Plan also.

mode in der ddr

Mode in der DDR – Modenschau mit festlicher Mode, 7. Oktober 1989, Bildquelle: Modegruppen und Textilzirkel der DDR, Die Sammlung im MEK, Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin.

 

1952 als „Institut für Bekleidungskultur“ gegründet und später in „Modeinstitut der DDR“ umbenannt, setzte es die Trends des Ostens. In einem Gebäude, das vielen Berliner*innen heute noch bekannt sein dürfte, denn vor nicht all zu langer Zeit, beherbergte es wieder die Laufstege der Berliner Fashion Week: das alte Kaufhaus Jahndorf. Politisch kontrolliert setze man sich hier mit Trendentwicklungen auseinander und präsentierte schon damals die kommenden Modekollektionen. Doch künstlerischer Freiraum war hier nicht vorgesehen. Zwei Kollektionen stellte das Modeinstitut jährlich vor – am Alexanderplatz. Hatte die Mode der Bundesrepublik zur damaligen Zeit knapp ein Jahr Vorlauf, waren es in der DDR ganze zwei (kaum vorstellbar, wenn man an die heutigen Reaktions- und Produktionszeiten der Fast Fashion Industrie denkt). Bis zur Präsentation einer neuen Kollektion war diese also bereits längst aus der Mode. Auch konnten viele der präsentierten Designs wegen großer Rohstoffengpässe nie verwirklicht werden. Die Entwürfe jedoch, diese wurden gedruckt und zwar im beliebtesten Modemagazine des Ostens: „Sibylle“ – die Vogue der DDR. Einmal gedruckt wurden die Designentwürfe zur Inspiration für Amateurarbeiten der Modezirkel- und Gruppen genutzt. Die Begründung der heutigen DIY-Gesellschaft. Selber nähen wurde zum Trend.

mode in der ddr

(v.l.n.r.) Zeitschrift Sibylle, Ausgabe 1/89, Verlag für die Frau, Inventarnummer 1016485. „Pramo“ 11/1989, praktische Mode, Verlag für die Frau, Preis: 1,50 M, Inventarnummer 1019540. „Saison“ 4/1967, 77 Modelle auf 2 Schnittmusterbögen, Verlag für die Frau, DDR Leipzig, Preis: 3,50 MDN, Inventarnummer 1019599. Bildquellen: DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

Neben der Erstellung eigener Kollektionen, kleidete das Modeinstitut, das zu Beginn aus fünf Modegestalter*innen bestand, das Personal im Palast der Republik ein, das Gewandhausorchester, die Pioniere und die damals recht hochangesehenen Fernsehansagerinnen. Trotz  all ihrer Verzögerungen war die Mode im Ausland bekannt und das auch im Westen Deutschlands. Firmen wie Quelle verkauften Ostmode in ihren Katalogen – mit anderem Etikett, denn was offensichtlich aus der DDR kam, verkaufte sich nicht. Der Export hatte im Zweifel immer Vorrang“ – So kam es gern zu Engpässen im eigenen Land. Schlange stehen für eine neue Hose war angesagt.

Mode in der DDR: Ein Statement gegen den Staat.

Wer mit Kleidung vom Klassenfeind BRD angetroffen wurde, der wurde zum Staatsfeind. War es doch selbsternanntes Ziel, dass „der sozialistische Mensch, einen sozialistischen Look bekommen sollte“. So war zum Beispiel die Jeans nur eines von vielen Kleidungsstücken, die strengstens verboten waren. Viel zu amerikanisch, viel zu westlich. Die Auswahl in den „Exquisit“ Kleidungsboutiquen war mehr als beschaulich. Kein Vergleich mit unserer heutigen Auswahl, die uns meist so überwältigt, dass wir den Überblick verlieren.

So wurde Mode in der DDR zum Statement gegen den Staat, Mode zu einem Ausdruck des eigenen Widerstandes. Ein Effekt, der nicht geplant werden kann. Eine Eigenschaft, die ihr nicht untersagt werden kann und sie zu dem macht was sie ist: die wohl größte Möglichkeit, sich selbst auszudrücken.

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https://www.youtube.com/watch?v=4DVUMkU-7A4

 

 

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.