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Reisen in der DDR

Planurlaub in der Planwirtschaft – Reisen in der DDR

Last-Minute-Urlaub? In der DDR ein Fremdwort, denn dort durfte nur verreisen, wer einen Antrag genehmigt bekam – Planurlaub in der Planwirtschaft. Wir verraten euch, wohin Reisen in der DDR führten.  

Reisen in der DDR? Nur auf Antrag möglich.

Ein Schuljahr in den USA, ein Auslandssemester in Taiwan und Work & Travel in Australien. Nur drei Möglichkeiten von unzähligen, die wir heute nutzen. Wusstet ihr, dass die Deutschen mit ihrem Reisepass die meisten Länder der Welt ohne Schwierigkeiten besuchen können? Viele von euch haben bisher vielleicht gar nicht darüber nachgedacht. Das war nicht immer so. DDR Bürger*innen war es nicht erlaubt, viele Länder zu bereisen und frei zu entscheiden, wohin der nächste Urlaub gehen soll. Für uns kaum vorstellbar, für DDR-Bürger*innen die damalige Reise-Realität. Reisen in der DDR. Wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und planen einen Urlaub.

Reisen: Antrag auf touristische Ausreise aus der DDR, Reisebüro der FDJ, Jugendtourist, Inventarnummer 1007889, DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

Original Antrag auf touristische Ausreise aus der DDR, Reisebüro der FDJ, Jugendtourist, Inventarnummer 1007889, DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

Bereits im Jahr 1947 wurde der FDGB-Feriendienst als gewerkschaftliche Sozialeinrichtung zur Vermittlung von Urlaubsreisen und -plätzen gegründet. Mit der Gründung des staatlichen „Deutschen Reisebüros“ (DER) im Jahr 1957 wurde Reisen in der DDR zum Planurlaub. 1964 wurde die dem Ministerium für Verkehrswesen unterstellte Institution in „Reisebüro der Deutschen Demokratischen Republik“ umbenannt. Seinen Sitz hatte das DER im 1971 eingeweihten und heute unter Denkmalschutz stehenden „Haus des Reisens“ am Berliner Alexanderplatz. Ein damaliger Reiseantrag erscheint heute wie ein Lotterielos. Von 1000 eingegangen Anträgen wurden lediglich knapp 30 genehmigt. So wie der Antrag der Ostberliner Studentin Kerstin C., die ihren „Antrag auf touristische Ausreise aus der DDR“ (wie er ganz offiziell hieß) für ihre Reise in die UdSSR genehmigt bekam. Während Reisen in die Länder des „Feindes“, also dem kapitalistischen Westen, verboten waren, durfte der Urlaub in verbündeten Ländern wie der Sowjetunion verbracht werden: Willkommen im Ostblock. Am liebsten war es dem Staat jedoch, wenn man im eigenen Land blieb.

Planurlaub in einer Planwirtschaft

Plätze in den vom Staat finanzierten FDGB-Ferienheimen waren begehrt. Doch wer bestimmte über die Vergabe und nach welchen Kriterien wurde entschieden? Betriebe bekamen vom Kreisvorstand eine Gesamtanzahl an Plätzen. Diese wurden prozentual auf die Abteilung und die jeweilige Anzahl der Mitarbeiter*innen verteilt. Diese konnten nun ihren Antrag stellen. Wer ist der verdienstvollere Kollege? Wer hat den Platz verdient? Entschieden wurde nach vielen Kriterien. Größere Chancen hatte, wer sich gesellschaftlich engagierte, so heißt es. Wer das große Glück hatte und einen der heißbegehrten Plätze ergattert hatte, konnte jedoch „Pech“ im Urlaub haben, wenn er Kolleg*innen oder gar dem Chef im Speisesaal (gegessen wurde zu festgelegten Zeiten) begegnete. Viele wollten keinen Urlaub im Ferienheim.

Motiv: Frau mit Sehenswürdigkeiten der DDR und Berlin im Hintergrund, Inventarnummer 1017796. Bildquellen: DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

(v.l.n.r.) „Zelten, aber wo? Im Bezirk der 800 Seen!“, Informatiosbroschüre über die Mecklenburgische Seenplatte, Druckerei „Fortschritt“, Waren (Müritz), Preis: 0,20 MDN, Inventarnummer 1019379. „Kleiner Verkehrsatlas der DDR“, Softcover Verkehrsatlas Maßstab 1:400000, 64 Seiten, Inventarnummer 1017050. Tüte „Reiseland DDR“ vom Reisebüro der DDR, Motiv: Frau mit Sehenswürdigkeiten der DDR und Berlin im Hintergrund, Inventarnummer 1017796. Bildquellen: DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

Individuelles Reisen ist für uns heute etwas Selbstverständliches. Doch damals stellte selbst ein Urlaub an einem mecklenburgischen See eine Schwierigkeit dar und erforderte gute Bekannte vor Ort. Zelten war beliebt und somit musste sich bereits ein halbes Jahr vorher für einen Zeltplatz angemeldet werden. Vielleicht hatte man auch ein eigenes Zelt, denn diese waren genauso Mangelware wie die Plätze selbst. Romantisches Zelten am Lagerfeuer im Ostseesand? Auch das war verboten! Denn bereits ab 20 Uhr durfte der Strand nicht mehr betreten werden. An den gesamten Ostseestränden waren Sicherheitskräfte unterwegs. Schließlich hätte man von dort aus Flüchten können – mit der Luftmatratze im Gepäck. Die Angst vor der Republikflucht war immer da. Bei der Regierung und auch ganz besonders, wenn es um Urlaub und das Reisen ging.

Pack‘ die Badehose ein – Urlaub am Balaton 

Wer keinen Urlaub im Ferienheim, auf dem Zelt- oder Campingplatz machte, der verbrachte seine Ferien meist bei der eigenen Verwandtschaft im eigenen Land – und oft auch auf dem Land. Wer etwas mehr Geld hatte und mobil war, der reiste weiter weg. Was den Bürger*innen der BRD der Gardasee, war denen der DDR der Balaton. Sommerurlaub in Ungarn. Den Trabi vollgepackt bis unters Dach, machte man sich auf die stundenlange Fahrt an die ostdeutsche Riviera am Schwarzen Meer – Sommer, Sonne, Westwaren.

Postkarte

(v.l.n.r.) Flyer Jugendreisen Ungarn, Flyer „Reiseziel der Jugend: Ungarn“ vom EXPRESS Reisebüro der Jugend und Studenten ansässig in Budapest, Inventarnummer 1018677. Koffer mit Aufnähern aus grobem Stoff, kariert, Seiten durch Kunststoff verstärkt, mit Reißverschluß, enthält Aufnäher verschiedener Reiseziele: Auerber, Berlin, Zakopane, Aschberg-Klingenthal, Eisleben, Burgk, Thale, Barbarossa-Höhle, Kyffhäuser, Inventarnummer 1017923. Postkarte „Ungarn“ mit Urlaubsmotiven aus Bulgarien, unbeschrieben, Inventarnummer 1017914. Kleiner, karierter Rucksack mit Aufnähern besuchter Orte: Berlin, Schwarzatal, Schwarzburg, Hexentanzplatz, Lübbenau, Wernigerode, Inventarnummer 1017889. Bilderquelle: DDR Museum Berlin, Online Objektdatenbank.

„Reisefreiheit“ – Wort des Jahres 1989

„Als im Sommer 1989 mehr als 20.000 DDR-Bürger sich weigerten zurückzufahren und die ungarische Regierung sie gen Westen ziehen ließ, waren die Tage der deutschen Teilung gezählt.“ Das Verlangen nach Reisefreiheit habe den Zusammenbruch beschleunigt. So ist es kein Wunder, dass Reisefreiheit zum Wort des Jahres 1989 wurde. Heute können wir uns frei entscheiden. Reisen, verweilen, auswandern, zurückkommen, wieder gehen. Wie wir wollen, wann wir wollen. Zusammengefasst: Freiheit. Nutzt sie, genießt sie, zelebriert sie. Schon die Koffer gepackt?

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.