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Mythos Unabhängigkeit – wie frei sind Journalisten und Influencer?

Bin ich als Blogger unabhängiger als ein Journalist? Ich hatte euch meine Rede versprochen, die ich beim Deutschen Medienrat halten durfte – hier kommt sie. Frisch, frei, unabhängig von der Leber weg und ein wenig aus dem intriganten Nähkästchen ist auch dabei…

Man nennt mich Influencer…

Man nennt mich Influencer. Laut Wikipedia bin ich eine Person, die „aufgrund ihrer starken Präsenz in mehreren sozialen Netzwerken für Werbung oder Vermarktung in Frage kommt“. Klingt schrecklich platt und einseitig. Klingt nach Schublade und Litfaßsäule. Klingt nicht nach kreativer Arbeit…

Ich selbst bezeichne mich nicht als Influencer. Ich bin Bloggerin – und das schon seit einem knappen Jahrzehnt. Ich fing zu einer Zeit mit dem Bloggen an, da hätte noch keiner im Traum daran gedacht, welche Ausmaße das einmal annehmen würde. Nie im Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass ich je davon leben könnte. So spielt das Leben aber manchmal anders als man denkt und heute arbeite ich mit einem 5-köpfigen Team aus freien Redakteuren an zwei Blogs.

neverever.me begann als Modeblog und behandelt heute die unterschiedlichsten Lifestyle Themen. In den letzten Jahren sind vermehrt kritische Berichte hinzugekommen – über meine eigene Branche, aber auch darüber hinaus. Es sind immer Themen, die mich gerade in meinem Leben begleiten und prägen. Irgendwann reichte mir das seichte Modebloggerdasein nicht mehr und ich wollte vermehrt Geschichten erzählen und meine Leser informieren. Seit geraumer Zeit findet ihr deshalb Themen wie nachhaltiges Leben, politische Meinung oder Tabu (Gesundheits-)Themen bei uns.

techandthecity.de entstand vor rund zwei Jahren, weil mir schlicht etwas fehlte. Ich liebe Technik, fand aber keine ästhetisch ansprechende Publikation, die mich nicht mit technischen Details zuschüttet. Warum nicht selbst gründen, dachte ich mir und rief das erste deutsche Technikmagazin für Frauen ins Leben. Vom kabellosen Staubsauger bis hin zum Vibrator behandeln wir alles, was Frauen und Technik betrifft, stellen tolle Frauen im Tech Business vor oder testen uns durch hunderte von Apps.

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Reden wir über Geld.

techandthecity.de finanziere ich fast komplett aus den Einnahmen von neverever.me. Doch wie finanziere ich mich überhaupt? Oft werde ich gefragt: „Und davon kannst du leben?!“. Das ist übrigens oft die erste Frage wildfremder Menschen, wenn sie hören, was ich arbeite. Ich gebe ihnen dann gern die Analogie zu einem Lifestyle-Magazin mit auf den Weg. Der große Unterschied: Der Blogger verkörpert sämtliche Berufe eines Verlags in einer Person. Redaktion, Lektorat, Grafik, Fotograf, Marketing und Akquise, PR, Buchhaltung und und und.

Auch preislich gibt es enorme Unterschiede. Ein Beispiel: Ein Frauenmagazin mit einer Auflage von 150.000 verlangt für eine ganzseitige Anzeige etwa 25.000€. Ich erreiche monatlich ungefähr dieselbe Anzahl (je nachdem wie viele Artikel online gehen und wie diese laufen), berechne aber nur etwa ein Zehntel des Preises. Der Kunde bekommt dafür keine „anonyme“ Anzeige, sondern eine authentische, persönliche Darstellung des Produkts, das an eine Zielgruppe ausgespielt wird, die ich sehr gut kenne, weil sie schon seit fast zehn Jahren mit mir wächst.

So „unabhängig“ ist der Lifestyle Jounalismus

Oft wird dem gemeinen Influencer vorgeworfen, nichts zu können, außer hübsch auszusehen. Das ist ein ignoranter und leider oft auch arroganter Trugschluss. Diejenigen, die sich bereits seit Jahren halten, sind gut ausgebildet, talentiert und über die Maßen ehrgeizig. Ich selbst habe erst Jura (erfolgreich abgebrochen) und Medienwissenschaften studiert. Danach bin ich erst einmal in der PR und Markenkommunikation gelandet. Und da habe ich deutlich mitbekommen, wie „unabhängig“ zahlreiche Lifestyle-Journalisten arbeiten. Den Influencern wird oft Geldgeilheit und Profitgier vorgeworfen, dabei wird aber unter den Teppich gekehrt, was bei Verlagen schon lange abgeht.

Da ist nämlich so gut wie keiner mehr unabhängig. Das habe ich aus erster Reihe, sozusagen aus der Front Row, mitbekommen. Damals hatte einer meiner Kunden eine Anzeige in einem der größten deutschen Frauenmagazine geschaltet. Im redaktionellen Teil tauchte er nicht auf. Ich wurde also von meiner Vorgesetzten dazu gedrängt, dort anzurufen, um klarzustellen, dass dies nicht sein dürfe. Ich bin aus allen Wolken gefallen, habe versucht mit der Pressefreiheit zu argumentieren, aber keine Chance. Ich musste anrufen. Ich schämte mich in Grund und Boden, machte mich auf die größte Schimpftirade meiner bisherigen beruflichen PR-Karriere gefasst und rief in der Redaktion an. Was dann passierte, schockierte mich noch mehr. Die Redakteurin reagierte total kleinlaut und versprach, den Kunden im redaktionellen Teil der nächsten Ausgabe zu berücksichtigen. Das passierte dann auch.

Ein anderer Redakteur einer der größten Verlagshäuser in Deutschland erzählte mir zu einem anderen meiner Kunden, dass er diesen wahnsinnig gern ins Magazin bringen würde, aber dass der direkte Konkurrent Anzeigen schalte und mein Kunde somit auf der roten Liste für den redaktionellen Teil stehe. So viel also zur Unabhängigkeit in den Lifestyle-Medien.

Und nu? Watt is mit der Unabhängigkeit?!

Was ist nun aber mit mir als Blogger? Natürlich bin ich nicht mehr so unabhängig wie zu Beginn. Ich fühle mich verantwortlich für mein Team und muss pro Monat einen gewissen Umsatz machen, um alle durchzufüttern. Die Beispiele, die ich euch gerade genannt habe, waren für mich allerdings so ernüchternd und schockierend, dass ich keine Exklusivverträge abschließe. Da müsste schon der absolute Traumkunde mit einem grandiosen Projekt und einem Haufen Geld um die Ecke kommen…

Bis dato dachte ich also, ich könne unabhängig schreiben, Werbung macht bei uns maximal 20% der Inhalte aus. Trotzdem befinde ich mich seit einem halben Jahr in einem Rechtsstreit mit dem Verband sozialer Wettbewerb, der mir in seinen Schriftsätzen eine journalistische Tätigkeit komplett abspricht. Ich versuche momentan, einen Präzedenzfall für meine Branche zu schaffen, der zu einer korrekten und fairen Werbekennzeichnung führt. Das wird mir nämlich vorgeworfen: Dass ich Schleichwerbung betreibe. In. Jedem. Einzelnen. Post.

Ich könnte so unabhängig sein, nur muss ich momentan aber tatsächlich darum kämpfen, überhaupt als Publizistin oder Bloggerin wahrgenommen zu werden. Ein Hoch auf die vermeintliche Pressefreiheit.

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.