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Mythos Flugbegleiterin – Was ist noch dran am Traumberuf?

In den 50er und 60er Jahren wurden Flugbegleiterinnen im gleichen Atemzug mit Models genannt. Was ist heute noch dran am Traumberuf Stewardess? Wir haben uns umgehört.

Jahrzehntelang galt das Berufsbild Flugbegleiterin als besonders erstrebenswert. Man bereist die Welt, lernt neue Orte und Menschen kennen, beherrscht verschiedene Sprachen und sieht dabei noch spitzenmäßig aus. Dieser mondäne Hauch ging flöten, als das Flugzeug nicht mehr nur den Reichen und Bessersituierten zustand, sondern zum Massentransportmittel des 21. Jahrhunderts avancierte.

Wer die Welt heute bereist, der macht es einfach. Es ist nicht mehr den Pilot*innen und Flugbegleiter*innen vorenthalten. Aber auch wenn der Glamour-Faktor des Berufsbildes stark (bis ganz) zurückgegangen ist, gibt es viele Frauen (70%) und auch Männer, die mit Freude als Steward und Stewardess tagtäglich Passagiere von A nach B begleiten.

Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen und wollten aus erster Hand erfahren, was heute noch dran ist am Mythos Flugbegleiterin.

Bine ist Ende Zwanzig und liebt ihren Job. Sie fliegt für eine der größten deutschen Fluggesellschaften und hat in ihren sieben Jahren Berufserfahrung die ganze Welt bereist. Jeden Monat darf sie sich zwei Langstreckenflüge aussuchen – im Sommer fliegt sie gerne in die USA und Kanada, im Winter lieber nach Südafrika, in die Karibik und auf die Malediven. Den ersten Mythos-Check hat sie damit zu 100 Prozent erfüllt, denn wer als Flugbegleiter*in arbeitet, sieht tatsächlich mehr von der Welt als die meisten anderen Arbeitnehmer.

Was die Models der damaligen Zeit und die Flugbegleiter*innen einte, war das Verbot von Tattoos und Pericings. Auch heute noch sind sichtbare Tattoos sowie Pericings ein No-Go bei den Fluggesellschaften. Wer den Beruf über den Wolken ausüben möchte, sollte sich das mit den Tattoos gut überlegen. Generell braucht man keine abgeschlossene Ausbildung, um als Flugbegleiterin zu arbeiten. Ihr bewerbt euch direkt bei eurer Wunsch-Airline, die euch dann in einem Schnellverfahren ausbildet. Bei Bine waren das knapp acht Wochen. Durch ihre vorherige abgeschlossene Ausbildung als Hotelfachfrau hatte sie besonders gute Karten. Auch wer vorab schon Auslandserfahrungen sammeln konnte, hat bessere Chancen im Bewerbungsverfahren. In der Ausbildung lernt ihr wie ein Flugzeug evakuiert wird, ein Feuer an Bord gelöscht oder erste Hilfe geleistet wird und natürlich die Abläufe während eines Fluges. Dazu gehört ein guter Service, aber auch wie man sich in kritischen Situationen verhalten soll (darunter fällt übrigens der Vorfall aus dem Jahr 2011, als der französische Schauspieler Gérard Depardieu mitten ins Flugzeug pinkelte).

Sexsymbol Flugbegleiterin

Ein Klischee, das den Flugbegleiterinnen anhaftet, ist, dass sie viel Zeit mit den Piloten verbringen. Das verneint Bine vehement. Ein Job ist ein Job und natürlich verbringt man viel Zeit mit der Crew, aber mehr sei an dem Klischee nicht dran. Dass dem Berufsbild ein sexy Image anheftet, liegt vermutlich an der langen Tradition der Fluggesellschaften, Vorgaben für ein „gepflegtes“ Äußeres zu erlassen. Manche Airlines verlangen rot geschminkte Lippen von ihren Flugbegleiterinnen, dazu Kajal oder Wimperntusche, keinen aufdringlichen Duft und die Haare zu einem Dutt gebunden. Bine kann die Aufregung um die Vorgaben nicht verstehen, sie fühlt sich dadurch keineswegs diskriminiert, sondern sieht es recht pragmatisch, denn in den meisten Berufen gebe es eine Vorgabe, wie man auszusehen hat.

Saftschubse Flugbegleiterin

Die vielen Billig-Airlines haben das Flugerlebnis dramatisch geändert. Enge Sitze, wenig Beinfreiheit, kaum Service und dazu der ständige Aufruf bei den Flugbegleiter*innen, ein Los für irgendetwas zu kaufen, machen nicht nur mir schlechte Laune im Flieger. Dadurch ist für viele Menschen das Flugzeug nicht mehr der unerreichbare Ort wie in den 50er Jahren, sondern ein tristes Transportmittel und die Flugbegleiter*innen werden herablassend als Saftschubsen bezeichnet.

Dies trifft natürlich nicht auf jede Airline zu. Wer jedoch für unter 20€ fliegen will, der darf auch nicht zu viel erwarten. Dass der Mythos Flugbegleiter*in heute entzaubert ist, mag aber gewiss daran liegen.

Die wahrscheinlich besten Flugbegleiter der Welt kommen von Singapore Airlines

Für unseren Vergleich aus erster Hand, haben wir unsere Fragen auch an Singapore Airlines gestellt und Antworten vom Singapore-Girl (so der offizielle Titel der Flubgegleiterinne)  SweeYing Liew bekommen.

neverver.me: Welche Ausbildung muss man absolvieren um Stewardess zu werden?

SweeYing Liew:  Singapore Airlines erhält jährlich etwa 16.000 Bewerbungen aus allen Ländern, aus denen wir rekrutieren. Von diesen Bewerbungen werden die 600 bis 1000 geeignetsten Bewerber/innen zur Ausbildung zugelassen. Unser Ausbildungsprogramm dauert 14 Wochen und ist länger als durchschnittliche Ausbildungen in unserer Branche. Während dieses Trainings und während unserer gesamten Laufbahn werden wir in produktspezifischen Kursen geschult, dazu gehören Bereiche wie Erste Hilfe, Sicherheit, Evakuierung und Hilfe für Passagiere mit speziellen Bedürfnissen, wie Kinder, ältere Personen oder Fluggäste mit Behinderung. Hinzu kommen Kurse hinsichtlich Service, Ernährung sowie Make-Up und Styling. Unsere Ausbilder sagen immer, dass das intensive Training nötig ist, um alle Erwartungen, die ein Kunde an den Flug stellt, zu übertreffen.

SweeYing Liew ist Leading Stewardess bei Singapore Airlines

neverever.me: Was ist das Tollste an deinem Beruf?

SweeYing Liew:  Das Beste an meinem Beruf ist, dass wir eine faszinierende Fluggesellschaft repräsentieren und zu ihrem Erfolg beitragen. Ich lerne gerne Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen kennen. Man kann unglaublich viel von Fluggästen lernen und sogar Insider-Tipps zu verschiedenen Städte bekommen. Dass man die ganze Welt sieht, ist natürlich ein zusätzliches Plus unseres Berufes.

neverever.me: Du bereist die ganze Welt, wie viel siehst du tatsächlich von den Städten/Ländern?

SweeYing Liew: Ich sehe von der Welt viel mehr, als ich am Anfang erwartet habe. Sogar dann, wenn ich nur ein paar Stunden vor Ort Zeit habe, versuche ich, die Stadt zu sehen und unvergessliche Momente zu erleben.

neverever.me: Wenn du dich jetzt an einen Ort beamen könntest, welcher wäre das und warum?

SweeYing Liew: Es wäre eindeutig Yangon in Myanmar. Ich mag das Stadtbild, das von einer Mischung aus britischer Kolonialarchitektur, modernen Hochhäusern und vergoldeten buddhistischen Pagoden geprägt ist. Die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen ist etwas ganz Besonderes. Ich freue mich natürlich auch immer nach Singapur zurückzukehren, denn es ist eine sehr bunte und wunderschöne Stadt.

neverever.me: Was glaubst du, welche Vorurteile gibt es gegenüber Stewards und Stewardessen?

SweeYing Liew: Viele Menschen denken, dass unsere Hauptaufgabe darin bestehe, während des Fluges Essen und Getränke zu servieren. Das stimmt natürlich nicht, denn wir sind für das umfangreiche Passagiermanagement zuständig. Allerdings ist es ein Zeichen unserer guten Arbeit, wenn unsere Fluggäste so wenig wie möglich vom Treiben im Hintergrund während eines Fluges mitbekommen und sich rundum entspannen können.

neverever.me: Wie steht die Airline zu Piercings und Tattoos?

SweeYing Liew: Ich denke, es ist eine persönliche Entscheidung Piercings oder Tattoos zu haben. In unserer Position ist es empfehlenswert, sie an Körperteilen zu tragen, die bedeckt sind – mit Ausnahme von Ohrringen.

neverever.me: Als Stewardess wird viel Wert auf dein Äußeres gelegt, findest du das gerechtfertigt?

SweeYing Liew: Natürlich ist eine gepflegte Erscheinung in jedem Beruf ein Vorteil. In unseren Trainings erhalten wir das passende Make-up zu unserem Hauttyp und zu unserer Sarong Kebaya. Jeder von uns hat eine persönliche Farbkarte, die zum jeweiligen Typ passt. Außerdem können wir uns zwischen dem klassischen Chignon, das ist eine Wickelfrisur, einem französischen Zopf, einem Bob und einem Pixie entschieden.

neverever.me: Wie sieht deine Uniform aus? Worauf wird viel Wert gelegt?

SweeYing Liew: Unsere Uniform ist ein Sarong Kebaya in Batik-Optik. Er ist ein unverwechselbares Markenzeichen, welches auch über unsere Branche hinaus bekannt ist. Die Farbe unserer jeweiligen Uniform symbolisiert unsere Karrierestufe. Entworfen wurde der Sarong Kebaya vom berühmten französischen Designer Pierre Balmain. Es ist ein tolles Gefühl, die Kleidung eines Haute-Couture-Designers zu tragen.

neverever.me: Hast du feste Strecken, die du fliegst?

SweeYing Liew: Spezifische Flugrouten haben wir nicht. Allerdings werden Crewmitglieder mit Fremdsprachenkenntnissen häufiger auf den jeweiligen Routen passend zu ihren Sprachkenntnissen eingesetzt. Es ist immer von Vorteil Crewmitglieder dabei zu haben, die die Sprache der jeweiligen Destination sprechen. So können wir unseren Passagieren einen noch persönlicheren Service entgegenbringen. Natürlich kann man auch Wünsche äußern auf welchen Routen man eingesetzt werden möchte.

neverever.me: Wenn dich jemand fragen würde, wie man am besten Stewardess werden kann, was würdest du demjenigen raten?

SweeYing Liew: Der wichtigste Ratschlag wäre: Sei organisiert! Meiner Meinung nach, ist es die wertvollste Eigenschaft für eine professionelle Karriere. Wenn du dich nicht selbst organisieren kannst und nicht alles im Griff hast, wie willst du den Service in einem Flugzeug organisieren? Offenheit und Neugier gegenüber Menschen und Kulturen sollte man ebenso haben.

neverever.me: Kannst du von deinem Beruf gut leben?

Swee Ying Liew: Das Wichtigste ist Spaß an der Arbeit und natürlich auch eine Leidenschaft für den Service und das Fliegen zu haben. Es ist faszinierend, wenn ein riesiger A380 abhebt und aufsteigt. Außerdem ist es sehr spannend zu sehen, was hinter den Kulissen einer Fluggesellschaft passiert. Einen Job für ein angemessenes Leben zu haben ist wichtig, aber das Wichtigste ist, dass man Spaß an dem hat, was man jeden Tag tut.

neverever.me: Welchen Namen bevorzugt ihr: Steward*ess oder Flugbegleiter*in?

Swee Ying Liew: Generell werden wir als Flugbegleiter*in bezeichnet. Jedoch bevorzugen wir den Begriff Singapore Girl, da dies unser offizieller Titel ist.

Eva kam durch Vrenis legendären Flohmarkt zu neverever.me - nach einem Praktikum war klar, hier möchte sie bleiben. Jetzt ist Eva heißgeliebter Bestandteil des Teams. Nachhaltigkeit und Veganismus sind ihre Herzensthemen. Wenn sie nicht bloggt, dann findet ihr sie in der Uni-Bibliothek, wo sie (mal mehr mal weniger fleißig) für ihre Bachelorarbeit recherchiert.