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Selfcare

Mehr Selfcare, weniger Selbsthass

Selbstliebe ist ein gern genutztes Buzzword. Selfcare ist in aller Munde. Und von Body Positivity haben nun auch schon die meisten gehört. Wir fragen uns, was hat sich verändert und warum ist an diesem Trend vielleicht vielmehr dran als manche glauben?

Klatsch & Tratsch

Noch vor wenigen Jahren gab es keine, oder nur sehr wenige, öffentliche Diskussionen über Körperbilder. Die Medien zerrissen regelmäßig vermeintliche Unperfektheiten von Stars und Sternchen. Die Klatschblätter waren zugekleistert mit Oberschenkeldellen, Fettpölsterchen und hängenden Brüsten im Bikini. Nun gut, schaut man genauer hin, hat sich das bis heute nicht wirklich geändert. Klatschreporter*innen nutzen noch immer jede Gelegenheit, um die vermeintlichen Makel von öffentlichen Personen zu diskreditieren.

Doch eins hat sich sehr wohl geändert: Wie wir darauf reagieren. 2019 ist längst eine Diskussion darüber entbrannt, was okay ist oder eben auch nicht. Denn eins ist auf jeden Fall okay: unser Körper. Viele von uns sind in dem Glauben aufgewachsen, irgendwie nicht richtig zu sein. Irgendetwas gab es immer zu bemängeln. Sei es die zu groß geratene Nase, der zu kleine Po, die hängenden Brüste, das Fett an der Hüfte, die schrumpeligen Füße oder die dünnen Haare. Doch wer bestimmt eigentlich, was wir okay finden und was uns missfällt?

90-60-90 ist das Ziel

Die Kinder der Achtziger und Neunziger sind mit Samstagabend-Fernsehen und der Bravo groß geworden. Was dort gezeigt wurde, galt für die Allgemeinheit als Maßstab. Als bauchfreie Tops Trend waren, hieß es, du musst einen knackigen Bauch haben, um dich in diesem Top zeigen zu können. So wie es die Sänger*innen und Schauspieler*innen in den Medien präsentieren. Die Zeiten der großen Supermodels und leicht bekleideten Rettungsschwimmer*innen ließen unser Bewusstsein darauf trainieren, dass 90-60-90 der Standard ist. Darunter, darüber – alles nicht perfekt.

Während unsere Mütter sich also Diät um Diät abkämpften, um irgendwie an dieses Ideal heranzureichen, lernten wir, dass es völlig in Ordnung ist wochenlang nur von Kohlsuppe zu leben oder morgens, mittags, abends einen Diätshake statt einer anständigen Mahlzeit zu sich zu nehmen. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Wir wurden langsam Teenager oder junge Erwachsene und das Internet ließ die Grenzen zwischen Idol und Ottonormalverbraucher*in noch weiter verschwimmen.

Wir eiferten vielleicht nicht mehr Miley Cyrus hinterher, wussten aber ziemlich genau, wie jede Kandidatin von Germany’s Next Topmodel ihren Frühstücksbrei zubereitet oder welchen Taillenumfang das angesagteste Emo-Mädchen auf MySpace gerade hatte. In Foren und Co. tauschten wir uns dann nicht über weltbewegende Dinge aus, sondern darüber, wie man am schnellsten am meisten abnehmen könne. Ob an dieser Entwicklung nun die Medien oder unsere Mütter schuld sind, sei mal dahingestellt. Fakt ist, dass sich bis vor wenigen Jahren noch vieles um unsere Körper und darum, wie gut diese nun sind, gedreht hat.

Was hat sich geändert?

Mag man Instagram & Co. glauben sind der ewige Verzicht und das Geiern nach dem perfekten Körper nicht mehr en vogue, vielmehr gieren wir danach endlich bei uns selbst anzukommen und Frieden mit dem zu schließen, was uns viele Jahre bedrückt hat. Von Bodypositivity über Selbstliebe hinzu Körperneutralität ist dabei mittlerweile alles dabei. Und egal, was man nun von welcher Ausrichtung halten mag, eines haben alle Bewegungen auf jeden Fall gemein: Wir wünschen uns einen besseren, achtsameren Umgang mit unserem Körper. Wir wollen uns nicht mehr länger daran messen lassen, wie dünn oder schön wir sind. Wir wollen uns lieber so annehmen wie wir sind.

Denn mit der Annahme unserer Körper heilen wir nicht nur das Verhältnis zu diesem, sondern auch seelische Wunden, die uns über die Jahre mürbe gemacht haben. Natürlich ist nicht alles mit ein wenig mehr Selbstliebe verschwunden. Und manche Wunden brauchen auch eine professionelle Versorgung. Doch je besser wir es schaffen uns um uns selbst zu kümmern, desto eher heilen wir das Verhältnis zu uns und unserem Körper.

2019 wollen wir nicht unbedingt 90-60-90, sondern endlich bei uns selbst ankommen. © Darius Bashar/unsplash.com

Und was hat das jetzt mit Selfcare zutun?

Selfcare bedeutet nicht, dass ich mich jetzt einfach vier Mal die Woche in eine Badewanne lege, Musik einschalte und relaxe (wobei du das natürlich tun kannst, wenn es das ist, was dir am meisten gibt). Nein, Selfcare heißt vor allem die Auseinandersetzung mit mir selbst und dem, was ich tue. Erst, wenn wir anfangen wirklich hinzuschauen und da noch mal tiefer zu gehen, wo es wirklich wehtut, erst dann schaffen wir es auch wirklich die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Wie man dorthin kommt, ist jedem selbst überlassen. Für Selbstliebe gibt es keine allgemeine Formel, keinen Zauberspruch, der alles gut werden lässt.

Für mehr Selbstliebe bedarf es einer tiefen, ehrlichen und achtsamen Auseinandersetzung mit dir selbst. Ganz egal, ob das bedeutet, dass du Zettel und Stift zur Hand nimmst und niederschreibst, was dir besonders gut an dir gefällt oder du dich stundenlang beim Boxen austobst, jeden Tag einen Eisbecher isst, Freund*innen triffst oder einen Solo-Urlaub machst, in dem du mal so richtig tief die letzten Jahre reflektierst. Egal, wie klein oder groß deine Handlung ist, alles kann ein Weg hin zu einem besseren Körperverständnis sein. Und besser muss dabei gar nicht heißen, dass wir auf einmal heiß verliebt in uns selbst sind. Besser kann auch heißen, dass wir einfach mal nicht über die Makel an uns schimpfen, sondern sie als das sehen, was sie sind: einfach da.

Titelbild: © Lucrezia Carnelos/unsplash.com