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Lippen aufspritzen ist das neue Schwarz

Ich unterspritze, also bin ich. Aber was? Schöner, glücklicher, erfolgreicher? Auf jeden Fall ärmer. Heute riskiere ich eine dicke Lippe in Sachen Schönheits-Optimierungen.

Eine Freundin zeigte mir stolz ihr Tattoo. Ich fand es schrecklich. Aber was willst du da sagen?! Das ist kein neuer Haarschnitt, sondern etwas permanentes. In einer Situation wie dieser greife ich zu Notlügen, einfach weil ich mein Gegenüber nicht verletzen will. Ähnlich geht es mir bei Schönheitsoperationen oder -optimierungen, vor allem beim Thema Lippen aufspritzen.

Lippen aufspritzen

Es gibt diese Frauen, die vermeintlich total offen damit umgehen, dass sie an ihrem Gesicht herumbasteln und beispielsweise mit Botox nachhelfen oder die Lippen aufspritzen lassen. Einmal fiel bei einem gemeinsamen Abendessen der als Witz ausgesprochene, dennoch halb ernst gemeinte Satz: „Ich kann dir einen guten Beauty-Doc empfehlen.“ Nein, meine Liebe, kannst du nicht, hätte ich am liebsten gesagt. Ich sehe es deutlich an deinem Gesicht. Das ist nicht gut gemacht, das ist eine Maske. Denn das ist es, was bei einem Großteil der Schönheitsoptimierer passiert – egal ob Frau oder Mann. Sie bekommen irgendwann dieses An-mir-wurde-getunt-Gesicht. Das ist für mich keine Optimierung, sondern ein Downgrading.

Ich finde einen gut gepflegten Oldtimer viel schöner als einen tiefergelegten Luxusschlitten. Aber: Schönheit liegt im Auge des Betrachters und es steht mir nicht zu, anderen Menschen meinen Geschmack aufzudrängen. Aber meine Gedanken darf ich aufschreiben. Und ich bin der Meinung, dass eine äußerliche Optimierung der Weg des geringsten Widerstandes ist. Der steinige Pfad ist immer ein langwieriger Prozess der inneren Optimierung. Oftmals ist man so sehr mit dem Äußeren beschäftigt, dass man gar nicht bemerkt, wie es innerlich bröckelt.

Lippen aufspritzen als Statussymbol?

Über die letzten zwei Jahre lausche ich auf diversen Veranstaltungen immer wieder Gesprächen von jungen, wunderschönen Frauen, die sich die Lippen aufspritzen lassen wollen. Manchmal muss ich mich einmischen und diesen tollen Geschöpfen sagen, dass ich das furchtbar fände. Es steht nunmal nur den wenigsten Menschen. Aber in Zeiten von Kardashian und Co. scheint die Angleichung des Gesichts an den Kim’schen Standard die Traumvorstellung zu sein.

Ich verstehe es oft nicht. Es zeigt aber ganz gut, dass hinter der makellosen Instagram-Fassade doch nicht alles im perfekten Licht strahlt. Da sind Selbstzweifel und Ängste. Das ist auch völlig okay und normal. Ich bin nur momentan sowas von übersättigt von Gesichtern, die ich kaum mehr unterscheiden kann. Ich möchte Individualität und Eigenständigkeit. Deswegen mag ich die Mode- und Beautybranche eigentlich so sehr. Momentan ist es aber eher Einheitsbrei als Inspiration. Ich hoffe, dass wir zu mehr Individualismus zurückfinden (auch wenn das auf Kosten praller Lippen geht) und Gesichtern wieder mehr Ausdruck verleihen.

Darauf einen dicken Schmatzer,
eure Vreni

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.