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Ich monstruiere – wenn die Regel eine Qual ist

Viel zu viele Frauen leiden stumm unter ihrer Periode, weil unsere Gesellschaft es scheinbar immernoch nicht gebacken bekommt, vernünftig damit umzugehen. Höchste Zeit, das zu ändern. Wir haben mit drei Frauen gespochen, für die jeder Zyklus aufs Neue eine Qual ist.

Ich selbst bin verschont von schlimmen Schmerzen. Als ich 18 Jahre alt war, kippte ich morgens einmal um, als ich meine Tage bekam und dachte, ich müsse sterben vor Schmerz. Seitdem kann ich nachvollziehen, unter was Frauen regelmäßig leiden. Bei mir hat sich das nicht wiederholt, aber ich kenne genug Frauen, für die dieses Szenario (Achtung, erster Wortwitz!) die Regel ist. Bei mir ist es hardcore PMS, ich möchte einmal im Monat auswandern, meinen Job hinschmeißen oder sonst irgendetwas Selbstzerstörerisches tun. Nach 24 Stunden ist alles wieder normal. Das habe ich extrem, seit ich die Pille abgesetzt habe vor vier Jahren. Dennoch zähle ich mich zu den glücklichen Frauen, die nicht allzu sehr eingeschränkt werden.

Ganz anders meine drei Gesprächspartnerinnen. Ich hatte euch über Instagram dazu aufgerufen, mit mir über das Thema „Periode“ zu sprechen. Zahlreiche Nachrichten haben mich erreicht. Das Feedback zeigt, wie hoch der Redebedarf zu diesem Thema ist. Deshalb lasse nun drei meiner Leserinnen zu Wort kommen.

 

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Francesca, 28 Jahre alt

„Ich verhüte mit Kondom und benutze Tampons und Binden. Wenn ich meine Tage habe, bin ich für nichts zu gebrauchen. Ich bekomme meine Tage sehr unregelmäßig und habe auch sehr oft Zwischenblutungen. Dadurch kann ich meinen Zyklus gar nicht richtig bestimmen. Ich habe Krämpfe, mir ist schlecht, manchmal schwindelig, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und ich bin ständig müde.

Meine Periode ist so stark das ich nur Super Plus Tampons benutze und zum Schutz Binden dazu trage. Fast stündlich muss ich das Tampon wechseln. Auch nachts – ich schaffe es dann gerade mal zwei oder drei Stunden durchzuschlafen. Meistens liege ich auf dem Bauch mit einer Hand im Schritt, nur so merke ich wenn ich auslaufe – trotz Binde.

Der erste Tag meiner Periode ist noch recht angenehm. Ich merke, ok jetzt geht’s los und kann noch das Haus verlassen, arbeiten gehen und in die Drogerie, um Tampons, Binden, Toilettenpapier und mildes Waschlotion zu kaufen. Ab dem zweiten Tag ist es einfach nur noch eine Qual, ich will am liebsten im Bett liegen bleiben. Aber meistens geht das nicht. Ich muss arbeiten und fühle mich extrem unwohl.

Das geht dann auch alles auf die Psyche. Ich mache mir ständig Sorgen, dass ich auslaufe. Im Zug oder Bus starre ich nach dem Aufstehen auf den Sitz, um zu sehen, ob da etwas ist. Meine größte Angst ist nämlich, dass man da etwas sehen könnte oder dass ich es nicht rechtzeitig auf die Toilette schaffe.

Wenn ich also unterwegs bin, dann ist meine Handtasche voll mit Tampons, Binden, Taschentüchern und sogar Ersatzunterwäsche. Tatsächlich trage ich untenrum fast nur Schwarz aus Angst vor Flecken, auch wenn ich meine Tage nicht habe.

Gerade bei der Arbeit ist es besonders schwierig: Momentan bin ich als Verkäuferin angestellt und mache nebenbei eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Dadurch dass ich aufgrund meiner Periode viele Fehltage habe, sind meine Lehrerin und die Schulleitung der Ansicht, ich solle doch die Prüfungen erst später machen, obwohl ich eigentlich dieses Jahr noch fertig wäre.

Teilweise haben meine Kollegen Verständnis für meine Situation während der Periode, die ältere Generation allerdings nicht so sehr. Manchmal kann ich einfach nicht zur Arbeit gehen und dann habe ich ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Ich glaube, dass viele dann denken, ich sei faul oder hätte keinen Bock zu arbeiten. Das macht mich traurig.“

 

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Kim-Alexandra, 26 Jahre alt

Wer bist du?

Kim-Alexnadra von www.thinkless.de – Ich bin nebenberuflich selbstständige Bloggerin, gelernte Mediengestalterin und pansexuelle weiße Cis-Frau.

Wie verhütest du?

Seit meinem 13. Lebensjahr hatte ich die (Gestagen-)Pille genommen. Aufgrund einer Infektion mit HP-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen (bei mir wurde es durch meine eigene Körperkenntnis zum Glück rechtzeitig erkannt), konnte ich nicht direkt danach auf die Gestagen-Spirale umsteigen und hatte deswegen kurzzeitig einen Verhütungsring. Jetzt befindet sich schon über ein Jahr die Spirale in mir, durch die ich anfangs monatelang extreme Schmerzen hatte. Sobald diese raus ist, möchte ich am liebsten auf eine hormonfreie Verhütung umsteigen, wobei ich Kondome nicht mag. Das wird also etwas knifflig. Eventuell probiere ich die Temperatur-Mess-Methode aus. Aber nur, weil ich eh einen Kinderwunsch und einen festen Freund habe, sonst wäre nur das allein mir wohl auch zu unsicher.

Benutzt du Tampons, Binden oder die Menstruationstasse?

Angefangen hatte ich mit Binden, weil ich mir als 12-jähriges Mädchen noch nichts unter Tampons, geschweige denn unter einer Menstruationstasse vorstellen konnte. Letzteres ist für mich der heilige Menstruations-Gral, den ich erst als junge Frau Mitte 20 für mich entdeckt habe.

Wie erlebst du deine Menstruation – sowohl körperlich als auch psychisch?

Meine Menstruation war für mich schon immer ein leidiges Übel, dass ich widerwillig hingenommen habe, weil ich mir später Kinder wünsche. Vor dem Einsatz meiner Spirale hatte ich dabei nie sonderliche Schmerzen und meine teils extrem schlechte Stimmung hatte ich ausschließlich auf meine diagnostizierten depressiven Phasen und später auf die diagnostizierte Autoimmunerkrankung meiner Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis) geschoben. Nach dem Einsatz meiner Spirale hatte ich fast ein dreiviertel Jahr lang extreme krampf-, fast wehenartige Unterleibsschmerzen, die nur sehr langsam schwächer geworden sind. Ich bin in psychotherapeutischer Behandlung und nehme Medikamente für meine Schilddrüse, aber vor allem vor meinen Tagen bin ich immernoch oft extrem niedergeschlagen. Mittlerweile nehme ich meine Menstruation eher als natürlichen Prozess an, aber wenn das so einfach wäre, würde ich zwei Kinder bekommen und dann „den Hahn zudrehen“.

Was arbeitest du?

Ich bin gelernte Mediengestalterin, arbeite als Office Managerin und bin nebenberuflich selbstständig als Bloggerin und Multimedia Designerin.

Hast du das Gefühl, deine Kollegen nehmen Menstruationsprobleme ernst? Kann man darüber auf der Arbeit überhaupt offen sprechen?

Mit meinen derzeitigen KollegInnen bestehen keine Probleme und ich habe auch meinem männlichen Vorgesetzten schon offen gesagt, dass ich aufgrund von Periodenschmerzen einen Tag zuhause bleibe und er hatte Verständnis dafür. Das hatte ich bei vergangenen Arbeitgebern (an dieser Stelle meine ich auch wirklich nur die männlichen, weil ich es nur so selbst erlebt hatte) leider schon ganz anders erlebt. Da wurde beispielsweise über ehemalige Mitarbeiterinnen schlecht geredet, die aufgrund von starken Schmerzen jeden Monat ein oder zwei Tage ausgefallen sind, was ja sogar ohne Krankenschein eigentlich absolut legitim ist. Selbst Frauen schämen sich, wenn bei Gesprächen das Thema Periode aufkommt und weigern sich strikt, einzugestehen, dass manche Frauen in dieser Zeit empfindsam, nicht so stark belastbar oder einfach nur mies drauf sind.

Warum ist Menstruation immernoch ein Tabuthema?

Ich denke, dass in einer Zeit, in der alles auf Erfolg und Schönheit getrimmt ist, viele Menschen ausblenden möchten, was unangenehm und außerhalb ihrer Kontrolle ist. Männer nehmen es mangels eigener Erfahrung oft nicht ernst und Frauen lassen nicht zu, was sich für sie nach einer Schwäche und Angriffsfläche anfühlt.

Was können wir dafür tun, dass dieses Thema ernst genommen wird?

Wir sollten verstärkt über Menstruation und alles, was damit zusammenhängt, wie psychische Probleme, Schmerzen, Umweltverschmutzung durch Binden/Tampons, etc. sprechen. Unbeirrt von angewiderten Gesichtern, die uns womöglich ungläubig entgegensehen. Wir sollten ganz selbstverständlich darüber sprechen, weil es ganz selbstverständlich sein muss und nichts, wofür sich jemand schämen oder wovor man sich ekeln sollte.

 

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Tamara, 23 Jahre alt

Wer bist du?

Ich bin Tamara und komme aus der ältesten Stadt Deutschlands, Trier. Ich bin Lehramtsstudentin im 6. Semester, studiere Englisch, Biologie und Deutsch als Fremdsprache. Ich hatte meine erste Periode mit 12 Jahren und habe sie seither immer regelmäßig gehabt. Das macht fast 10 Jahre monstruieren, fast 120 Mal hatte ich meine Periode.

Wie verhütest du?

Ich verhüte nicht, da ich in einer Beziehung mit einer Frau bin. Wir führen eine monogame Beziehung, sind seit 2 Jahren zusammen und machen uns daher keine Gedanken über STIs (= Sexually Transmitted Infections, sexuell übertragbare Infektionen).

Benutzt du Tampons, Binden oder die Menstruationstasse?

Ich benutze momentan noch Tampons, bin aber gerade dabei, während meiner Periode die Höhe meines Muttermundes zu messen, um auf eine Menstruationstasse umzusteigen. Ich hatte schon zwei, die aber leider nie saßen. Da das Thema Menstruationstasse allerdings immer populärer wird, habe ich mich auch damit befasst, wie ich denn die richtige Größe herausfinde, deshalb versuche ich es nochmal, da ich umweltfreundlicher leben möchte.

Wie erlebst du deine Menstruation – sowohl körperlich als auch psychisch?

Wie ich schon unter deinem Instagram-Post habe anklingen lassen, meine Gebärmutter und ich führen monatlich den dritten Weltkrieg. Ich hatte körperlich bis auf milde Bauchkrämpfe am Anfang meiner Menstruationsreise keine Probleme. Doch als ich älter wurde, wurden die Bauchschmerzen schlimmer, es kamen Rückenschmerzen dazu und meine Haut, sowohl im Gesicht als auch auf dem Rücken, wurde immer schlechter. Die körperlichen Symptome (Rücken- und Bauchschmerzen), ließen sich durch Wärmekissen und etwaige Medikamente beheben, aber meine Haut machte mir tatsächlich am meisten zu schaffen. Mein Selbstwertgefühl litt sehr unter Akne, die teilweise auch schmerzhaft war, ich schämte mich sehr für meine Haut, gerade, wenn ich meine Periode hatte, denn da war sie besonders schlimm.

Jedes Mal, wenn ich wusste, es war bald wieder so weit, wünschte ich mir regelrecht, ein Mann zu sein, damit ich das nicht immer wieder durchmachen müsste. Ich weiß, dass das überzogen klingt und rückblickend ist das mehr als kindisch, aber zu dem Zeitpunkt, gerade in der Pubertät, war es ein furchtbares das Gefühl, dass jeder meine schlechte Haut anstarrt. Inzwischen nehme ich ein homöopathisches Mittel (Agnus Castus Alternative zur Pille, um die ich meine Frauenärztin regelrecht anbetteln musste, weil sie mir die Pille aufzwingen wollte und ich diese aber strikt ablehne), das gegen Regelschmerzen und Regelbeschwerden hilft und ich bin endlich wieder im Reinen mit mir. Natürlich nervt mich meine Periode immer noch, allerdings ist sie erträglicher geworden und ich kann körperlich als auch psychisch besser damit umgehen.

Hast du das Gefühl, deine Kommilitonen nehmen Menstruationsprobleme ernst? Kann man darüber überhaupt offen sprechen?

Da ich mit vielen anderen Mädels studiere, reden wir sehr offen über das Thema. Gerade die Menstruationstasse ist für uns ein regelmäßig wiederkehrendes Thema. Die Beschwerden, die man vor und während der Menstruation hat diskutieren wir auch offen. Allerdings ist das Menstruieren selbst ein sehr heikles Thema. Nicht, weil wir dazu nichts zu sagen hätten, aber viel mehr, weil wir es unangenehm finden, darüber zu sprechen. Allerdings ist das völlig unangebracht, weil wohl jede junge Frau ähnliche Erfahrungen macht und gemacht hat.

Warum ist Menstruation immernoch ein Tabuthema?

Ich glaube das liegt einfach daran, dass es keine Gelegenheiten gibt, um darüber zu sprechen. Lässt man etwas darüber anklingen, gerade bei Jungs, ist es direkt „ekelhaft“ und „iihh“, aber es gehört nunmal dazu. Als Frau muss man sich regelmäßig damit auseinandersetzen. Ich finde es traurig, dass Männer sich sofort so ausschließen, nach dem Motto: „Betrifft mich nicht, muss ich nichts drüber wissen.“ Das ist schade, denn es geht ja jeden etwas an – nur wegen der Menstruation können wir uns vermehren. Auch die Medien tun sehr wenig für dieses Thema, alles wird tabuisiert, niemand spricht darüber und wenn dann ist es oft negativ konnotiert.

Allgemein ist es doch so, dass die Menschen die Menstruation als etwas Unreines betrachten, in einigen Kulturen werden Frauen während der Menstruation des Hauses verbannt. Das ist verrückt. Ein Zeichen der Fruchtbarkeit wird zum Grund, die Frau wegzuschicken. Viele Menschen schämen sich wahrscheinlich auch einfach, darüber zu sprechen. Es gehört ja eher zum guten Ton, Stillschweigen zu bewahren, wenn es um das Thema Periode geht.

Was können wir dafür tun, dass dieses Thema ernst genommen wird?

Als Lehramtsstudentin für Biologie, muss ich natürlich sagen, dass dieses Thema sehr gut im Sexualkundeunterricht behandelt werden kann. Auch wenn einige Lehrer oder Eltern argumentieren, dass die Jungs nichts mit dem Thema anfangen werden können, finde ich gerade diesen Gedankengang kontraproduktiv. Alle sollten etwas darüber lernen und erfahren, das würde schonmal eine ganz andere Gesprächsbasis schaffen, damit eben darüber gesprochen werden kann, auch wenn Jungs in der Nähe sind. Mädchen müssten sich nicht schämen darüber zu sprechen, weil sich Jungs davor ekeln. Denn die Menstruation ist etwas ganz Natürliches, aber unser tabuisierendes Verhalten macht es zu einem negativ behafteten Thema und beinhaltet sogar einen gewissen Ekel-Faktor. Aufklärung ist das A und O. Andernfalls wird die Menstruation auf Ewig verurteilt als Erdbeerwoche, in denen die Frauen unerträglich sind.

 

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Ein Beitrag geteilt von Chelsea VonChaz (@wearehappyperiod) am

 

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.