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First Time: Eine Woche Lebensmittel retten

Auf dieses First Time habe ich mich besonders gefreut. Schon länger wollte ich mich noch mehr mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auseinandersetzen und werde jetzt, dank des neuen Formats, förmlich dazu gezwungen.

Was ich in einer Woche Lebensmittel retten und teilen erlebt habt, lest ihr in meinem Wochenrückblick.

Tag 1 – Wo fange ich an?

Das Thema Lebensmittelverschwendung läuft uns in vielen Bereichen unseres Alltags über den Weg. Egal, ob im eigenen Kühlschrank, der immer wieder Lebensmittel bereithält, die wir eigentlich nicht mehr verzehren wollen oder in der Kantine, die wir regelmäßig zum Mittagessen besuchen und die nach dem großen Mittagspausenansturm allerhand leckeres Essen in die Tonne entsorgt. Manchmal sehen wir die Verschwendung, oft bleibt sie uns jedoch verborgen. Ich bin also gespannt wie ein Flitzebogen, was mich in dieser Woche erwarten wird. Noch weiß ich gar nicht so recht, wo ich eigentlich anfangen soll.

Und schwupps, läuft mir schon der erste Rest über den Weg. Die Nudeln vom Mittag stehen noch in der Küche herum und warten darauf entsorgt/gegessen/neu verarbeitet zu werden. Ich muss zugeben, ich mag es nicht gerne ein Gericht mehrfach hinter einander zu essen. Wenn es Mittags Nudeln gab, möchte ich die eigentlich am Abend nicht wieder sehen. Doch gerade bei größeren Resten wäre das genau die richtige Wahl. Heute entscheide ich mich die Nudeln einfach neu zu interpretieren und einen leckeren Nudelsalat für das Abendbrot daraus zu zaubern. Und ich weiß, ich muss die Menge, die ich koche, einfach viel besser einschätzen als ich es aktuell tue.

Mit dem kleinen ersten Teilerfolg wage ich mich an größere Themen. Ich schaue mir die Seite von Foodsharing an und werde direkt Mitglied. Foodsharing ist eine Community aus Lebensmittelretter*innen und das will ich schließlich jetzt auch werden. Die Regeln sind einfach:

  • „Verderbliche Lebensmittel wie Fisch, Geflügel, Fleisch, rohe Eierspeisen und zubereitete Lebensmittel sowie Medikamente (auch homöopathische Medikamente) sind von foodsharing ausgeschlossen.
  • Auch Kleidung, Kosmetika, Haushaltschemie, Spielzeug und andere Non-Food-Produkte können über foodsharing nicht getauscht oder geteilt werden.
  • Wir haben Hotspots eingerichtet an denen man sich treffen und tauschen kann.
  • Wir haben das Mindesthaltbarkeitsdatum, aber auch ein gutes Auge, eine feine Nase und das gute Gewissen keine verschimmelten, verdorbenen Lebensmittel anzubieten.
  •  Das Anbieten und Teilen hygienisch riskanter Lebensmittel ist bei foodsharing nicht erlaubt!
  • Unproblematisch sind hingegen Lebensmittel mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum („mindestens haltbar bis…“), auch nach Ablauf dieses Datums.“

Foodsaverin bin ich damit noch nicht. Das sind die Leute, die wirklich aktiv Lebensmittel retten. Ich bin immerhin als Foodsharerin registriert und kann Lebensmittel, die den oben genannten Regeln entsprechen, mit anderen aus der Community teilen.

Hardfacts zur Lebensmittelverschwendung
  • 30% aller Lebensmittel landen im Müll
  • 90% aller unverkauften Lebensmittel landen in der Tonne, entspricht mindestens 11,5 Millionen Mahlzeiten pro Tag
  • Bundesregierung möchte bis 2030 50% weniger Lebensmittel verschwenden, setzt jedoch auf freiwillige Verpflichtungen des Handels

Diese Dinge habe ich zum Glück alle verwerten können. Doch auch bei mir landet am häufigsten Brot oder altes Gemüse im Müll.

Tag 2 – Resteverwertung

Heute wird gekocht, was der Kühlschrank hergibt. Und das ist erstaunlich viel. Seit wir regelmäßig auf dem Markt einkaufen gehen, haben wir einen viel besseren Überblick, über die frischen Lebensmittel, die wir wirklich brauchen. Ein einmaliger Wocheneinkauf hilft hierfür ungemein. Früher habe ich viel häufiger Spontankäufe gemacht, von denen dann die Hälfte weggeworfen wurde, weil es eigentlich viel zu viel war, um es zu verbrauchen.

Heute darf die latschige Möhre dran glauben und landet mit Kartoffeln, Zucchini und Zwiebeln auf dem Blech für eine leckere Ofengemüse-Mischung. Ein simples Rezept, um gut älteres Gemüse zu verwerten. Ich bin zufrieden mit meinen ersten Tagen, in denen ich mehr und mehr darauf achte nichts wegwerfen zu müssen.

Tag 3 – Ein herber Rückschlag

Ich bin mit einer Freundin außer Haus essen. In einem meiner Lieblingsrestaurants. Heute entscheide ich mich aber für ein anderes Gericht als sonst. Ein großer Fehler, wie sich herausstellt. Das Gericht ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Es ist schleimig! Und mit schleimigem Essen kann ich nur sehr schwer umgehen. Mir wird regelrecht schlecht, wenn ich mir so etwas antun muss. Deswegen bleibt die Hälfte des Gerichts stehen. Und ich schäme mich in Grund und Boden, weil ich weiß, dass dieses nun ganz sicher entsorgt wird.

Dieses Essen hat es leider nicht geschafft. Es war für mich einfach unappetitlich und landete deswegen im Müll. Richtige Reaktion? Ich weiß es nicht.

Tag 4 und 5 – Es läuft

Ich stelle fest, dass ich viel geplanter koche und einkaufe. Im Gegensatz zu sonst, schaue ich wirklich erst alles im Kühlschrank durch und mache einen Plan, was ich verwerten möchte bzw. muss. So ist es kein Wunder, dass ich zur Mitte der Woche feststelle, dass wir unseren Wocheneinkauf im Hinblick auf Obst und Gemüse eigentlich viel zu knapp bemessen haben. Das Gemüsefach im Kühlschrank zeigt eine gähnende Leere und wir müssen seit langer Zeit mal wieder auch unter der Woche Gemüse nachkaufen. Ein wenig stolz auf mich, bin ich ja schon.

Tag 6 – Die Nase isst mit

In all der Euphorie entdecke ich an Tag 5 einen übrig gebliebenen Tofublock, der schon etwas angeschrumpelt aussieht. Mein ursprünglicher Reflex wäre gewesen: Auf jeden Fall wegwerfen. Dieses Mal entscheide ich mich aber erstmal auf meine gelernten Sinne zu vertrauen. Die Geruchsprobe besteht der Tofu und so landet er mit etwas Gemüse in der Pfanne, um eine Art „Rührei“ zu machen. Ich freue mich, dass ich bei der Essenswahl wieder vermehrt auf meine Sinne achten kann.

Und ein weiterer wichtiger Lerneffekt: Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht gleich Verfallsdatum. Klar, dass sich viele Lebensmittelhersteller absichern und vieles noch lange genießbar ist, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Und dennoch wirft jede*r Zwanzigste laut dem Ernährungsreport 2017 des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Lebensmittel sofort weg, wenn diese, laut MHD, abgelaufen sind. Ein Trugschluss, den wir unbedingt bei dem Wegwerfen von Lebensmitteln beachten solltet. Deswegen vertraut auf eure Augen und Nase und gebt auch abgelaufenen Lebensmitteln eine Chance.

Tag 7 – Bin ich jetzt eine Lebensmittelretterin?

Am letzten Tag will ich es noch mal wissen. In Berlin gibt es mittlerweile mehrere Filialen von dem Supermarkt Sirplus. Dort werden gerettete Lebensmittel verkauft. Diese bekommt Sirplus von Großhändlern, Produzenten und Landwirten, die die Lebensmittel ansonsten entsorgen würden. Eine Win-Win-Situation für alle, denn mit dem Weiterverkauf an Sirplus senken Produzenten auch ihre Abfallkosten.

Ich radele also gut gelaunt zu der Filiale in Friedrichshain, die mit vielen Leckereien überrascht, die ich sonst vielleicht nicht in meinen Wocheneinkauf integriert hätte. Obst und Gemüse können mich leider nicht so überzeugen, da doch vieles eher ein bisschen gammelig aussieht. Dafür finde ich es gerade bei Aufstrichen, Süßigkeiten, Getränken, Nudeln & Co. äußerst sinnvoll hier zu kaufen. Zudem sind die angebotenen Lebensmittel auch deutlich günstiger als der eigentliche Verkaufspreis. Ich rette also nicht nur Lebensmittel, sondern spare auch bares Geld. Bei Obst und Gemüse finde ich es übrigens dennoch wichtig, dass man auch auf die Teile zurückgreift, die vielleicht schon etwas schrumpelig sind, eine komische Form haben oder zu klein oder zu groß geraten sind. Nur vergammelt sollten sie eben nicht sein.

Tipp: Bei Sirplus kann man auch online bestellen.

Bei Sirplus findet man viele Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die aber noch vollkommen genießbar sind.

Was ich in einer Woche Lebensmittel retten gelernt habe

Leider hatte ich in der Woche viel zu wenig Zeit, um noch viel mehr Dinge und Initiativen auszuprobieren. Ich bin jetzt zwar bei Foodsharing angemeldet, fand aber nicht einmal die Zeit selbst etwas abzuholen. Auch Too Good To Go hätte ich gerne noch probiert. Eine App, über die man Lebensmittelreste von Restaurants, Cafés und Bäckereien abholen kann, wenn diese gegen Ende des Tages nicht mehr verkauft werden. Auch hier winkt der günstigere Preis und die Rettung vor der Tonne. Außerdem gibt es auch vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die App Zu gut für die Tonne!, in der es praktische Tipps gegen Lebensmittelverschwendung, Rezepte zur Resteverwertung, Einkaufs- und Planerlisten und zum Beispiel ein Lexikon gibt. All dies hätte ich gerne noch ausprobiert, merke aber auch, dass man einiges an Zeit und Planung braucht, um wirklich effektiv Lebensmittel zu retten und/oder zu teilen.

Alles in allem habe ich wieder einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln gelernt und auch viel über die Bedeutung des Wegwerfens nachgedacht. Auch über unsere privilegierte Position überhaupt Lebensmittel einfach so achtlos wegwerfen zu können. Nicht zuletzt gab es jetzt auch den Sonderbericht der IPPC zum Klimawandel, in dem ganz deutlich steht, dass die Lebensmittelverschwendung eines der gravierenden Probleme ist, dem Einhalt geboten werden muss. Wir haben es selbst in der Hand und können sicherlich alle bewusster mit dem Konsum und Verbrauch von Lebensmitteln umgehen, die am Ende des Tages vor allem die Ressourcen unserer Welt verbrauchen. Mich hat diese Woche auf jeden Fall ein Stück weit wachgerüttelt und für dieses Thema sensibilisiert.