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female future force day

Female Future Force – oder doch eher Farce?!

Am Wochenende fand der Female Future Force Day statt. Laut Edition F sollte es „ein Tag voller Inspiration, starker Stimmen, relevanter Inhalte, mit gutem Essen […] und wahnsinnig vielen magischen Momenten und Erlebnissen“ werden. Für mich war er in erster Linie eines: frustrierend.

Auf die Gefahr hin, mir es komplett mit der der Female Future Force und ihren Anhänger*innen zu verscherzen, möchte ich meine Gedanken mit euch teilen. Weil ich verstört bin, desillusioniert und irgendwie auch etwas hilflos – aber nicht inspiriert. Es sind meine subjektiven Eindrücke und nur ein kleiner Teil der vielen Reaktionen auf den Tag. Mein Blog, meine Gehirnsuppe. Ich spreche für mich, ihr mögt es ganz anders erlebt haben. Es hat mich jedoch so aufgewühlt, dass es mir einen Artikel wert ist.

Ich möchte zu Beginn ganz klar erst etwas Positives festhalten: Der Female Future Force Day ist eine super Idee – eine Konferenz/Messe nur für Frauen auszurichten, ist ein toller Ansatz. Frauen können sich hier mit ganz bestimmten Problemen auseinandersetzen und in „geschütztem“ Rahmen diskutieren und lernen.

Karrieretag oder Empowerment Bewegung?

„Starke Stimmen und relevante Inhalte aus den Bereichen Impact & Personal Vision, Feminismus, Tech & Innovation, Karriere, Entrepreneurship und Familie“ wollte Edition F liefern. Und das war tatsächlich das Hauptproblem, mit dem ich mich konfrontiert sah. Ich konnte diesen Tag einfach nicht einordnen. Wäre es um Karriere gegangen – easy. Die Veranstalter versuchten jedoch, so viel in den Tag zu quetschen, dass ich völlig lost war. Von „Modern Parenting – wie man auch mit Kindern Beruf und Alltag meistert“ bis hin zu „Wieso ich einen Geflüchteten bei mir aufgenommen habe“ umfasste der Tag 83 – DREIUNDACHTZIG (!!!) Programmpunkte. Hier wäre weniger und gehaltvoller tatsächlich mehr gewesen. Viele spannende Menschen kamen zwar zu Wort, jedoch fast immer zu kurz. Relevante Inhalte standen auf dem Programm, wurden aber selten befriedigend aufgearbeitet – wie auch in der kurzen Zeit?!

Zu viel Tupperparty

Über 70 Partner und Sponsoren waren an dem Tag beteiligt – von Kaufland, die tonnenweise Würstchen in Körben auslegten bis hin zu Einhorn Kondomen, die einen jungen Mann als Vagina Maskottchen herumlaufen ließen („kuschelig aber ziemlich heiß da drin“ verriet er mir). Dass hier jeder Sponsor seinen Teil vom (Mutter)kuchen abhaben wollte, war kaum zu ignorieren. Messehallen-Atmosphäre und Selbstbeweihräucherung in der Impact Area – auf mich hatte das einen ziemlich schlechten Impact. Kostenloses Essen und Getränke waren ein toller Ansatz, aber auf die Fleischbeschau von Kaufland und den Plastikmüll der Einwegkaffeebecher hätte ich liebend gern verzichtet. Vom kostenlosen Tattoo ging es über die limitierte Modekollektion („Die gibt es nur hier und heute!“) hin zum Frauenpower Hau-den-Lukas (aber nicht zu dolle, sonst bist du kein echter Female Leader – WHAT?!). Wirklich gut fand ich das kostenlose Bewerbungsfoto, für das zahlreiche Frauen Schlange standen, das machte wenigstens Sinn. Warum nicht mehr davon und weniger Selfie-mit-coolem-Spruch Fotobooth sponsored by Kosmetikfirma?

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Persönlicher Frust

Meinen Frust intensiviert hat dann schließlich auch mein eigenes Panel. Ich sollte als Gast zum Thema „Kann Mode die Welt verändern?“ sprechen. Was für mich ein spannendender Ansatz hinsichtlich fairer Mode und Menschenrechten ist, uferte aus in: Wie findet ihr es, wenn eine Frau in körperbetonter Kleidung am Arbeitsplatz erscheint? oder Müssen wir alle mehr Miniröcke tragen? Ich fühlte mich ab einem gewissen Punkt fürchterlich hilflos, weil mir diese ganze Diskussion sowas von widerstrebte. Das muss ich allerdings in einem gesonderten Artikel behandeln, weil es hier sonst den Rahmen sprengt. Normalerweise gehe ich beflügelt aus einem Talk, habe gute Impulse geben können und tausche mich danach gern mit den Zuhörern aus. Diesmal wollte ich einfach nur den Kopf einziehen und weg. Natürlich hat auch dieses Erlebnis mit meinem Gesamteindruck der Veranstaltung zu tun – weil ich eben gleich zu Beginn ein negatives Erlebnis hatte. Nach dem Talk wurde es nicht besser. Ich traf fast nur Besucher, die wie ich enttäuscht und frustriert waren. „Hätte ich 300€ für die Veranstaltung gezahlt, ich würde kotzen“, schrieb mir eine Bekannte auf Instagram – zahlreiche ähnliche Nachrichten folgten. Inspiration und Empowerment bei vielen gleich Null.

Die Female Future Force – eine Bewegung?

Eine Dame aus dem Publikum machte in der Panel-Fragerunde pathetisch darauf aufmerksam, dass wir doch eine Bewegung seien. Da musste ich erst einmal tief durchatmen. Schubladendenken wollen sie abschaffen, aber dann uns alle in die Female Future Force Bewegung stecken?! Nein Danke. Ich habe ein großes Problem mit (in diesem Falle) Frauen, die sich durch ein größeres Konglomerat definieren. Ich bin erst einmal Vreni. Ich brauche kein T-Shirt mit Frauenpoweraufdruck, um Feministin zu sein. Ich hatte das Shirt damals gekauft, weil ich die Mädels von Edition F mit ihrem Projekt supporten wollte. Getragen habe ich es nie. Girlpower trage ich lieber in mir als auf einem T-Shirt. Der Begriff Force ist für mich alles andere als positiv. Force wird oft im miltärischen Kontext benutzt und hängt für mich mit Zwang und Bedrängnis zusammen. Die englische Übersetzung des Verbs ist klar negativ belegt: (er)zwingen, drängen, treiben, nötigen, aufzwingen, aufdrängen, überwältigen, erstürmen, boxen und mehr. 

Die Female Future Force ist, wenn überhaupt, nach diesem Wochenende eine Bewegung von elitären Frauen für elitäre Frauen. Schon allein der Ticketpreis (noch einmal: 300€) schloss die breite Masse aus. Bei all den Sponsoren und dem Fakt, dass kaum ein Speaker bezahlt wurde, wäre hier mehr Vielfalt an Frauen möglich gewesen – genau wie im Programm. Und wo waren eigentlich die Männer? Emanzipation funktioniert für mich nur gemeinsam mit tollen Männern. Natürlich waren einige vertreten, aber die allgemeine Stimmung war fast schon männerfeindlich – da bin ich ganz klar raus. Wer mehr Rechte für Frauen will, muss konstruktiv auf Männer zugehen. Ich leugne keinesfalls die Probleme, denen sich Frauen immernoch gegenüber Männern ausgesetzt sehen. Doch auch hier handhabe ich es wie in meinem ganzen Leben: Ein Problem löst sich meist besser, wenn man auf die andere Partei zugeht, anstatt sie mit einer Gegenbewegung „anzugreifen“ oder auszuschließen.

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Fazit

Meine Erwartungshaltung war: Tolle Frauen, Festivalatmosphäre, Liebe, Stärke, Inspiration. Die Realität: Tupperparty, Selbstbeweihräucherung und verstörte Speaker (nicht nur bei uns auf dem Panel…). Was bei mir hängen geblieben ist? Minirock und Würstchen. Das ist traurig. Ich wünsche mir, dass es eine weitere Ausgabe gibt und dass die Veranstalter viel gelernt haben, das sie beim nächsten Mal umsetzen können. Diese Konferenz steht erst am Anfang und ist nicht gescheitert, sondern muss jetzt geformt werden. Dabei helfe ich gerne mit.

Wenn ihr euch mit mir austauschen wollt, dann kommt gern rüber zu Instagram.

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.