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„Du bist ein Mann, du kannst das“ – Gedanken zur Männlichkeit

Neulich beim Umzug. Kisten packen, Möbel schleppen. Die Frauen tragen die leichten Kisten, wir Männer selbstverständlich (?!) die schweren. Natürlich soll ich auch die Waschmaschine tragen. Warum? Weil ich ein Mann bin. Höchste Zeit, um über Männlichkeit nachzudenken.

Vor 30 Jahren hat meine Mutter einen Knaben auf die Welt gebracht. So steht es in meiner Geburtsurkunde. In meinem Reisepass steht das Kürzel „M“ für mein Geschlecht: Männlich. Noch länger, als diese Worte dort gedruckt stehen, besteht in unserer als modern geltenden Gesellschaft ein Verständnis über das Leben als Mann oder Frau. Noch bevor wir auf der Welt sind, werden unserem späteren Dasein bestimmte Eigenschaften vorausgesetzt.

Alt bekannte Schubladen

In unserer westlichen Kultur ist ein Mann eher gefühlskalt als warmherzig. Er ist mutig, dominant, aggressiv und gerne mal gewaltbereit. Alles, was Frauen eben nicht sind. So versteht es das stereotypische Rollenverständnis. Irgendetwas dazwischen? Scheint nicht zu existieren. Jeder hat in die Kategorie „M“ oder „W“ zu passen. Darin zeigt sich die menschliche Vorliebe dafür, allem einen Namen zu geben. Ein Mann, der anderen Menschen eher weiblich erscheint? Androgyn. Ein Mann, der sich seiner Körperpflege mehr widmet als andere? Metrosexuell. Natürlich geht das Spiel auch andersherum. Wozu das alles? Wieso bin ich ein zu weiblicher Mann oder eine zu männliche Frau? Kann ich nicht einfach ein Mensch mit ganz persönlichen Eigenschaften sein? Nein, denn wir wachsen mit dieser Kategorisierung auf. Die Schubladen männlich und weiblich werden schon geöffnet, bevor wir überhaupt auf die Welt kommen. Schubladen einer Kommode, die auf den staubigen Dachboden gehört.

Männertage?

Bleiben wir bei den Kategorien. Es scheint, als wurden wir alle von Männern aufgezogen, die nicht in der Lage sind, emotional zu kommunizieren. Das Resultat? Auch wir können es kaum. Warum auch, denn Männer und Emotionen, das ist wie Frauen und der Elektrofachhandel. Habe ich Recht? Ich hoffe, ihr schüttelt gerade entweder schockiert euren Kopf oder wollt mich verfluchen. Doch bitte gebt nicht mir die Schuld für dieses Geschlechterverständnis. Gebt sie der Gesellschaft, in der wir leben. Oder in diesem Falle einem bestimmten Markt mit großem, medialen Angebot, in den Männer wohl neuerdings gehen, wenn sie ihre Tage haben. Denn im Zeitalter der Gleichberechtigung, darf ein Mann auch seine Tage haben – zumindest wenn wir gewisse Marketing-Abteilungen fragen. Weil man von den Männertagen so überzeugt ist, legt man sogar eine große Studie mit dem Marktforschungsinstitut Kantar Emnid an. Was sie damit auslösen? Das sexualisierte Männlichkeitsbild unserer Gesellschaft wird bestärkt und bleibt bestehen. Von moderner Männlichkeit fehlt hier leider wirklich jede Spur.

Männlichkeit

Man vs. Machine. Illustration der wunderwunderbaren Maria Brandenburg für neverever.me

Die Klischee-Keule schwingt noch immer mit

Zappen wir durch die Fernsehwerbung. Der Mann von heute fährt noch immer gerne Auto, am liebsten mit dem Sohn – das ist ja so ein Männerding. Ob Vater und Sohn oder die ganze Familie, generationenübergreifende Werbung scheint nicht aus der Mode zu kommen. Eine Werbestrategie, die auch 2018 den Umsatz noch ordentlich ankurbelt. Selbst im sonst so fortschrittlichen Schweden setzt ein beliebter Möbelhausgigant in seinem aktuellen TV-Spot auf das Vater-Sohn-Prinzip. Zwei Helden in Wohnzimmeraction. Bohren, schrauben, hämmern und wenn alles aufgebaut ist, dann wird der Moment unter Männern genossen.

Wer ganz ausgeklügelte Köpfchen in seiner Marketingabteilung sitzen hat, der setzt auf den modernen Mann. Dieser braucht einen morgendlichen Frische-Kick für seine Haut und cremt sich ein. Voller Manneskraft schwitzt er tagsüber mehr als alle Frauen zusammen und braucht daher ein extra leistungsstarkes Deo. Aftershave war gestern, sein Parfum zieht alle Frauen an. Den Haushalt schmeißt er auch. Der moderne Mann wäscht seine Hemden selbst, oder sogar das Geschirr ab. Auch wenn der Marlboro-Man nicht mehr über den Bildschirm flimmert, die Klischee-Keule schwingt auch im Jahr 2018 noch ordentlich mit.

Milch macht müde Männer munter – Coke Light auch

In den 1950er Jahren versprach die Werbung dem Mann unter anderem die Stärkung seiner sexuellen Manneskraft. Wie? Mit Milch. Denn Milch macht müde Männer munter. Später trank der Herr dann auch mal gerne Buttermilch. Das wusste damals jede Frau. Noch heute scheint das sexualisierte Bild des Mannes zu bestehen, nur in weichgespülter Variante – den Wäschezusatz hat der Mann jetzt nämlich auch für sich entdeckt. Stand er einst durchtrainiert und schwitzend mit einer Cola Light Kiste vor den Frauen, hält er heute einen Korb voll mit frischer und wohlduftender Wäsche in der Hand. Na, schon ganz wuschig vor lauter Kopfkino? Mir selbst ist gerade eher nach Heulen zu mute. Ach, was sage ich denn da. Fast hätte ich vergessen, dass Männer ja nicht weinen.

Männlichkeit

Illustration: Maria Brandenburg für neverever.me

Das stereotypische Rollenverständnis lebt weiter

Eigentlich ein ganz schön alter Schuh, oder? Aber was soll ich euch sagen. Er hält immer noch. Woran das liegt? An uralten Spielregeln gesellschaftlicher Verhaltensnormen. Sie sind Schuld, dass ich noch immer als „das starke Geschlecht“ gelte. Konventionen, die für mich eher der Figurenbeschreibung aus einer antiken Tragödie gleichen. Um ein Drama handelt es sich hierbei allemal. Für viele andere zum Glück auch. Der Großteil aber bleibt diesen alten Bildern treu.

Der starke Schwache

Zurück zur Waschmaschine. Die Annahme, dass ich ein 70 Kilo schweres Elektrogerät vier Etagen heruntertrage, setzt folgende Gleichung voraus: Du bist ein Mann, also hast du Kraft. Ausgeprägte Muskeln, breite Schultern, haarige Brust und Bart. Ja, also bei den Haaren bin ich dabei, aber sonst muss ich euch leider enttäuschen. Ich bin stark, aber in anderen Dingen. Geht es um die Waschmaschine, bin ich schwach. Ein Schwächling? Nein, ich habe einfach nicht die Kraft, solch ein Gewicht zu tragen. Gehört hat man mich an diesem Tag irgendwie nicht. Nachdem ich mich drei Mal wiederholt hatte, stand die Waschmaschine noch an ihrem Fleck. Als wollte mein Gegenüber nicht verstehen, was ich da sage. Wer mir da zuhören sollte? Ein Mann. Typ antike Tragödie.

Männlichkeit

Man vs. Machine. Illustration von Maria Brandenburg für neverever.me

Männlichkeit 2022

Auch 2018 muss ich mich noch dafür rechtfertigen, nicht vor Kraft zu strotzen, keinen Fussball zu mögen und nein, auch kein Fussballspiel zu schauen, wenn gerade Weltmeisterschaft ist. Daran wird sich auch bis 2022 nichts ändern. Kein Mann, einfach kein Mensch auf dieser Welt, soll in seinem Sein von einem alten Geschlechterverständnis eingeschränkt werden, sich zu Entscheidungen genötigt fühlen, Dinge im Leben nicht zu machen oder Momente nicht zu nutzen, weil es einem die Gesellschaft so auferlegt hat. Eine Gesellschaft, die noch immer in Babyblau und Rosa denkt. Der Raum dazwischen? Der füllt sich langsam aber sicher mit anderen Farben. Um alten Konventionen den Kampf anzusagen und ein neues, viel bunteres Bild moderner Männlichkeit zu malen.

Die Waschmaschine habe ich an diesem Tag nicht runtergetragen. Ich habe weiter Umzugskartons nach unten gebracht. Egal ob leicht oder schwer.

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.