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„Dreh dein iPhone um und spiegel dich selbst“

– Ein Gastbeitrag von Juliane Grothe –

Die Überschrift stammt aus Cro’s Mund, ausgerechnet von dem, der sich seit Jahren hinter einer Panda-Maske versteckt. Verstecken, weggucken, das verlegene Starren aufs Handy, um einer unausweichlichen Situation zu entgehen. Haben wir verlernt, analog zu gucken?

Ich bin gerade im Wartezimmer beim Orthopäden. Hier gucken aktuell 5 von 6 Patienten nach unten auf ihr Handy. Ob hier Nackenprobleme behandelt werden? Wer weiß, aber der süße Typ mit dem Vollbart hat auf jeden Fall das Lächeln verpasst, das ich ihm geschenkt hätte. Ohnehin scheint es, als müsse man bei all den gesenkten Blicken hoffen, denjenigen online wieder zu treffen, wenn es schon in der realen Welt nicht klappt. „Trendige“ Handykordeln machen das mittlerweile sogar noch einfacher. Schließlich muss man jetzt nicht mehr in der Tasche nach dem Telefon kramen, sondern kann seinen Gebrauchsgegenstand und Statussymbol direkt um den Hals tragen. „Hände frei“, lautet der Slogan doch was ist mit dem Kopf?

Können wir noch abschalten?

Vielen von uns gelingt es mittlerweile nur noch beim Anblick von absoluten Weiten abzuschalten. Hohe Berge, tiefblaues Meer, unentdeckte Natur. Dabei bauen wir Vans um, um in ihnen Länder zu erkunden, kaufen Häuser, um im Garten unter freiem Himmel zu schlafen und feiern Hochzeiten in alten Scheunen. Geplant werden diese Lebensreisen oftmals mit gespeicherten Instagram-Screenshots und auch ich hätte ohne besagte Schnappschüsse mit Sicherheit den ein oder anderen Urlaub anders erlebt.

Eine unausweichliche Doppelmoral und wer im Wald verloren geht, der ortet sich halt schnell via Google Maps. Soziale Medien „helfen“ uns daher tagtäglich. Wir bekommen Einladungen zu Events und klicken gelangweilt auf „interessiert“. Eine Zusage wäre schließlich zu verbindlich. Wie so vieles. Sie erinnern uns an Geburtstage unserer sogenannten 452 Facebook-Freunde und dennoch filtern wir, wem wir tatsächlich gratulieren. Private Pinnwand? Sorry, um eine Nachricht zu schreiben, habe ich gerade wirklich keine Zeit.

Eigentlich widerlich, wenn ich bedenke, dass ich mit einem Mann, mit dem ich eine einzige Nacht verbracht habe, innerhalb von drei Monaten auf über 4200 WhatsApp-Nachrichten gekommen bin.

Jeder Moment wird festgehalten. Wofür wissen wir oft selbst nicht mehr. © Linda Xu/unsplash.com

Quality-what?!

Aber wer hat denn heutzutage schon #qualitytime? Me-Time? Und was bedeutet das alles eigentlich? Laut Instagram-Aktivitäten Protokoll verbringe ich an Tagen wie heute, an denen ich krank auf dem Sofa liege, übrigens 2 Stunden und 30 Minuten damit Posts zu durchforsten, Hashtags und Menschen, Tiere, Dinge, Quotes, Interior & Co. zu kommentieren, liken und zu abonnieren. Die Liste ist unendlich lang, dennoch gucke ich Stories oftmals nur selten, weil mir dabei oft die Authentizität fehlt. „Nimm dein Handy runter, leb‘ jetzt“, fordern Künstler wie Teesy schon seit 2014 und dennoch wird jeder Moment festgehalten. Virtuelles Fotoalbum? Mag sein und auch ich will das private Story-Archiv nicht missen, um Momente wieder zu erleben.

Neben der Stimme, Mimik und Gestik ist es letztendlich das Gesamtbild, dass der oder die Influencer*in, mit eigenen freiverkäuflichen Photoshop-Presets, nicht erfüllt. Neben verschwindenden Lippen-Konturen verlieren diese nämlich allmählich auch ihren eigenen menschlichen Umriss. Kein Schatten, alles glatt gebügelt. Und wofür? Um sich in der wabernden Einheitsmasse der Fashion Week dazugehörig zu fühlen. Das Handy fungiert hier nahezu als Rettungsleine. Wer allein steht, tippt am Telefon. Doch auch die Grüppchen machen es nicht anders. In einem Wettbewerb kann man schließlich nicht alleine auftreten. Doch warum eigentlich nicht? Warum tritt sich niemand mehr selbst gegenüber?

Alle 3 Sekunden am Handy

„Ich hasse diese Handy Ketten. J**** guckt alle 3 sec auf ihr Handy“, schreibt mir meine Kollegin via WhatsApp. Oftmals kreisen die Gedanken permanent um so viele triviale Dinge gleichzeitig. Alle drei Sekunden aufs Handy zu gucken ändert jedoch auch nichts daran, dass niemand bisher das neue Bild gelikt hat, dein Post nicht ge’retweetet‘ wurde, keine neuen Kommentare erschienen sind und dass sich das charmante Tinder Date von letzter Nacht nicht meldet. Womöglich weil sein Kumpel ihm bereits via der WhatsApp-Teilen-Funktion bereits eine neue Kandidatin aus dem virtuellen Katalog geschickt hat. Liegt das alles an mir? Nein, eher an uns. An unserer Gesellschaft, unserem Handeln und an unserem ‚influence‘ auf andere und umgekehrt. Bin ich vielleicht nicht schön/schlank/sportlich genug? (#bodypositivity aber das ist ein anderes Thema.) Meine Bildunterschrift nicht englisch/witzig genug? Und was ist mit meinem Outfit? Doch wem wollen wir hier eigentlich genügen? Was ist denn mit dem Hier und Jetzt, von dem alle reden und singen?

„Lebe den Moment“, klebt kursiv an so vielen Küchenwänden, bestellt via Amazon App. Doch ist das tatsächlich der Fall? Sollten uns nicht die Menschen genügen, die wir tatsächlich im realen Leben erreichen? „Wenn wir so drüber schreiben, ist es immer heftig, wie du mich mit so kleinen Sätzen erreichst. Weil ich dann endlich mal Dinge sage. Also für mich SAGE“, schrieb mir meine beste Freundin nachts um 0:31 Uhr. Und das ist es, was zählt.

Der Vollbart-Typ hat sich übrigens gerade vom Orthopäden verabschiedet und mich beim Rausgehen bemerkt. Ich habe weggeguckt.

Beitragsbild: © Becca Tapert/unsplash.com

Vreni ist Maître d'Internet, Sinnfluencer und trägt ihr Herz auf der Zunge. Seit fast einem Jahrzehnt bloggt sie sich durchs WWW und widmet sich mit Herzblut auch kritischen Themen in ihrer Branche.