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Karl Lagefeld

Das Nachfolge-problem: Wer kommt nach Karl Lagerfeld?

Die Modewelt ist besorgt. Nach 35 Jahren fehlt Karl Lagerfeld zum ersten Mal bei seiner Chanel-Show in Paris. Ist er wirklich nur erschöpft oder ist es die letzte Kollektion des Designers? Wenn ja, steht Chanel vor einem großen Nachfolgeproblem: Wer kommt, wenn der Modezar geht? 

Innerhalb der letzten 35 Jahre hat sich Karl Lagerfeld zu einer Art Dauereinrichtung der Modewelt etabliert. Während andere Haute Couture Häuser der Pariser Rive Gauche ihre Kreativ-Direktor*innen mitunter fast so häufig wie ihre Kollektionen wechseln, sitzt Karl unangefochten auf seinem Modethron und wird, wie es sich für einen echten König eben nun mal gehört, das Zepter nicht aus der Hand geben. Zumindest dachte man das, bis zur letzten Woche.

„Wo ist Karl Lagerfeld?“

Während der Fashion Week Paris präsentiert Chanel die Frühjahr-Sommer Kollektion 2019. Das Grand Palais, verwandelt in die „Villa Chanel“ mit einem mediterranen Garten, wird zum Schauplatz einer Show, dessen Ende zu Beginn niemand erahnt. Kurz bevor das letzte Model, im reich bestickten Braut-Badeanzug mit meterlanger Schleppe, hinter der Kulisse verschwindet, öffnet sich eine Tür der Villa und in ihr steht… nein, nicht Karl Lagerfeld. Es ist Virginie Viard, Leiterin der Chanel Ateliers, die den Applaus entgegennimmt. Ein Applaus, der eigentlich Karl gebührt.

Wir waren nicht vor Ort, können uns aber ganz genau vorstellen, wie sich die Gäste von der Front-Row bis in die letzten Reihen in einem Augenblick wie diesem fragen „Wo ist Karl?“. Nachdem alle 62 Models beim großen Schluss-Defileé ohne den Designer aus der „Villa Chanel“ kommen und ein letztes Mal um den Pool gehen, wird es allen klar: Das war es. Schluss, aus, die Show ist vorbei. Ein Finale ohne Karl.

Der König wird müde…

Laut Stern habe Hélène Guillaume von der Tageszeitung Le Figaro Lagerfeld bereits bei einer Veranstaltung vor den Chanel Shows als „sehr geschwächt“ wahrgenommen. Die Frankfurter Allgemeiner Zeitung habe bereits während den vergangenen Saisons bemerkt, dass dem Designer das Gehen zunehmend Mühe mache.

Lagerfeld hat sie alle überlebt und ist der letzte Designer der alten Schule. Wie alt war er doch gleich? Da streiten sich die Geister.  Einer davon ist der weißhaarige Modeschöpfer höchstpersönlich. Er selbst datiert seine Geburt auf das Jahr 1935. Die Mehrheit schätzt den gebürtigen Hamburger zwei Jahre älter. Niemand traut es sich auszusprechen, aber was geschieht, wenn der fünfundachtzigjährige König sein Zepter aus der Hand gibt? Aus der Hand, die ihn mit seinen Entwürfen auf den Thron gebracht hat, von dem er die gesamte Welt erobern konnte. Die Antwort ist einfach. Dann steht Chanel vor einem großen Nachfolgeproblem. Nicht das erste des französischen Modehauses.

Wer kommt, wenn Karl geht? Nie würde man sich die Frage stellen, wer der Nachfolger von Picasso wird. Keine*r fragt nach einer neuen Frida Kahlo. Dabei kommt die Frage immer wieder auf, was Künstler*innen eigentlich ihre Macht oder ihren Wert gibt? Die Antwort ist ganz einfach: es ist die Einzigartigkeit des Werks. Naja, könnte man zumindest so annehmen. Eigentlich geht es aber gar nicht um die Besonderheit des Werks, vielmehr um die der Künstler*innen selbst.

Karl Lagerfeld

Karl Lagefeld. Illustration von Maria Brandenburg

Die magische Frage nach der Macht

Um das genauer zu erklären, machen wir einen kleinen magischen Ausflug. Was macht eigentlich Zauberei aus? Es sind gewiss nicht ihre Tricks, die wir uns heute meist alle selbst erklären können. Nein, es sind unsere Vorstellungen über Magisches. Was hier zählt, ist nämlich der Glaube. In der Theorie geht es dabei nicht um die Macht der Magier*in, vielmehr darum, wer oder was sie macht! Was im ersten Augenblick vielleicht kompliziert klingen mag, ist eigentlich ganz einfach. Stellen wir uns die Frage doch einfach mal etwas anders: Was macht den Influencer aus? Es sind die Follower. Es geht also nicht um Macht der Influencer, sondern um die Personen, die sie zu dem machen, der sie sind. So auch bei Künstler*innen, oder Designern. Eine Vertraute des Modeschöpfers sagte nach der Chanel Show zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Alle, die zu den Schauen kommen, machen das vor allem, um Karl Lagerfeld zu ehren.“ Im Kern geht es also gar nicht um die Mode von Chanel. Es geht um den Designer, den Künstler, die Person Karl.

Was macht den Wert eines Werks aus?

Diese Person macht den Wert einer Marke aus. Das beste Beispiel dafür ist ein Parfüm. Ihr habt nur drei Euro dafür ausgegeben? Wir geben euch einen Chanel Aufkleber und der Wert steigt um ein dreißigfaches. Ihr könnt es auch mit dem berühmten Pissoir von Marcel Duchamp vergleichen. Ein handelsübliches Pinkelbecken wurde zum Kunstgegenstand, weil ein Künstler es mit seiner Signatur gekennzeichnet und somit zu Kunst erklärt hat. Aus genau diesem Grund steht Chanel vor einem Nachfolgeproblem. Es geht nicht wirklich um den materiellen Wert des Werks. Auch nicht immer unbedingt um die kreative Kraft. Es geht um den sozialen Wert und damit ist der Name gemeint.

Lagerfeld hat es selbst gezeigt. Er war der erste Designer, der mit einem Fast Fashion Konzern kooperierte und mit dem Verkauf seiner Entwürfe bei H&M eine Massenhysterie auslöste. Der Wert von etwas steigt erst mit seiner Signatur. In diesem Fall mit einem Markennamen. Dessen ist sich Lagerfeld schon lange bewusst und gründete die masstige Marke Karl. Masstige? Ein Kunstwort für Masse und Prestige, also quasi Prestige für die Massen. Diese jubelt, denn alles hat die Signatur Lagerfelds.

Chanel oder Lagerfeld?

Wir sprechen von Lagerfeld als Kreativ-Direktor für Chanel. Aber um welchen Namen geht es hier eigentlich? Geht es um Lagerfeld, oder Chanel? Der Markenname Chanel steht schon lange für Lagerfeld. Er hat die Marke zu dem gemacht, was sie heute ist. Immer wieder werden Kritiken laut, dass Lagerfeld lediglich die Entwürfe von Gabrielle Chanel zeitgemäß umsetzt, die Marke aber nicht mit seiner eigenen Handschrift bereichert. Selbst wenn dem so sei, hat er es geschafft, die Handschrift einer anderen, zu seinem Kennzeichen zu machen. Nachfolger können seine Funktion als Kreativ-Direktor*in erben, aber nicht den Eigennamen. Sie treten nicht nur in das Erbe von Chanel, sondern in das viel größere von Karl Lagerfeld.

Eine Nachfolge kann es jedoch nicht geben. Zwischen Lagerfeld und seinem Namen steht das gesamte System der Modewelt. Und dieses wird sich ändern. Mit dem Moment, in dem der König abdankt und der Nachwuchs den Thron besteigt. Bei einer Welt in Ablohmanie, ist sicher, dass sich viel ändern wird. Wie war das doch gleich mit dem frischen Wind? Er wird wehen. Wie stark, das werden wir sehen.

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Karl über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.