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Der zweite Bildungsweg – über Mut und Chancen

Den Job kündigen um sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen und dann noch studieren? Nicht jeder hat einen geradlinigen Lebenslauf. Aber ist das heute überhaupt noch wichtig? Wir sprechen über Schule, Bildung und andere Wege. 

„Kind, du brauchst eine vernünftige Ausbildung!“heißt es von unseren Eltern. Nach dem Abitur erst ein Bachelor-, dann ein Masterstudium, vielleicht noch eine Promotion hinterher. Der perfekte Lebenslauf, oder? Bloß keine Lücken, nicht, dass irgendwann Fragen aufkommen. Ein Ziel, das viele von uns verfolgen, weil es uns unsere Elterngeneration mit auf den Weg gegeben hat. Was hierbei jedoch immer wieder vergessen wird, ist, dass nicht jedem/r dieser klassische Bildungsweg gerecht wird.

Von schlechten Gutachten und ungesehenen Fähigkeiten

Zu Beginn unsere Schullaufbahn nehmen wir alle noch den gleichen Schulweg auf uns. Je nach Bundesland besuchen wir 4 oder 6 Jahre eine Grundschule, bevor es dann auf eine weiterführende Schule geht. Das klassische Modell des dreigliedrigen Schulsystems schickt uns entweder auf eine Hauptschule, Realschule, oder das Gymnasium. 10-12 Jahre alt sind wir zu diesem Zeitpunkt, wenn Lehrer*innen unseren Eltern eine Empfehlung aussprechen, die unsere Zukunft maßgeblich bestimmen wird.

Im Jahr 2000 hat sich eine Lehrerin in einem Eignungsgutachten dazu entschieden, mich auf die Realschule zu schicken. Knapp sei es gewesen. „Stefan ist ein ruhiger Schüler, der selten aktiv ins Unterrichtsgeschehen eingreift. Er folgt dem Unterricht still, aber recht aufmerksam, sollte jedoch gelegentlich mehr Mut aufbringen die wenigen guten Ansätze zu einer erfolgreichen Beteiligung werden zu lassen.“ Meine wenigen guten Ansätze führten mich zu einem erfolgreich abgeschlossenen Studium der Kunstgeschichte und Deutschen Philologie. Ob sie das wohl damals geahnt hat? Das habe selbst ich nicht!

Wenn Schule für Teenager nervig und langweilig ist, dann wird dies meist auf ihr pubertäres Verhalten geschoben. Sicherlich trägt das viel dazu bei. Blicke ich jedoch jetzt mittlerweile fast 20 Jahre zurück, sehe ich einen Schüler, der Fähigkeiten hatte, die nie gefördert wurden. Dabei stehen sie zwei Jahre vor dem Eignungsgutsachten noch schwarz auf weiß in den schriftlichen Zeugnissen: „Stefan zeigt besonderes Geschick, Sorgfalt, Ideenreichtum und Freude in den Fächern Kunst, Werken und Textil.“  Erfolg in der Schule hängt nicht nur von Schüler*innen selbst ab. Es sind Lehrer*innen, Mitschüler*innen und die Leistungsgesellschaft mit ihren sozialen Klassen, die bis heute bestehen und unsere Laufbahn mitbestimmen.

Der zweite Bildungsweg als erste Chance

Ich bin ein Kind aus einer Arbeiterfamilie, das bis zur 10. Klasse die Realschule besucht. Während ich eine handwerkliche Ausbildung absolviere, büffeln andere für ihr Abitur. Sie studieren, ich gehe arbeiten. Lerne ein Handwerk als sichere Basis, die heute noch kaum geschätzt wird. „Drei Jahre Ausbildung für das bisschen Haareschneiden? Das lerne ich in drei Tagen!“, ist nur ein Satz von vielen, die ich mir immer wieder anhören darf. Dass ich dabei die scharfen Klingen meiner Schere in der Hand habe, vergessen sie meist. 3 Jahre Ausbildung und 3 Gesellenjahre später, will ich mir selbst beweisen, dass ich mehr kann und kündige meinen Job. Mit dem Plan mein Abitur nachzuholen und zu studieren.

Eine unbefristete Festanstellung kündigen? Meine gesamte Familie, außer meine Eltern, erklärte mich für verrückt und versteht es bis heute nicht. Doch mit einem Mal ist er da, der Moment, in dem ich wieder auf der Schulbank sitze und das Lernen wieder lernen muss.

In Deutschland gibt es für Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung die Möglichkeit, ihre Allgemeine Hochschulreife an einem Kolleg oder Abendgymnasium auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Im Jahr 2017 gibt es in Deutschland 308 Abendschulen und Kollegs. Im Vergleich dazu gibt es 32.995 allgemeinbildende Schulen. Wer nicht auf ein Kolleg oder Abendgymnasium gehen und etwas Zeit sparen will, der besucht ein Berufskolleg. So wie neverever.me Redakteurin Eva. Auch sie hat nach ihrer Berufsausbildung zur Hotelfachfrau noch einmal die Schulbank gedrückt. Mit dem Fachabitur in der Hand und einer Bewerbungsmappe unter dem Arm, wollte sie Modedesign studieren.

Friseurhandwerk und Kunstgeschichte passen nicht zusammen? Das denken sicherlich einige Historiker*innen, aber da liegen sie falsch. Bücher im Bild: Eine Einführung in die Kunstgeschichte, Hans Belting (Hrsg.) und Stilkunde, Frisurenkunde, Berufsgeschichte, von Möller/Domnick/Tinnemeier.

Freie Berufswahl – nur bei Eignung

Freie Berufswahl? Leider nicht wirklich. Denn immer wieder entscheiden Prüfer*innen in Aufnahmeverfahren über die „künstlerische Eignung“. Macht das Kunst aus? Dass man sie nachweisen kann? Drei Mal abgelehnt, beginnt Eva ein Praktikum im Bereich Kostüm und wird dort nach sechs Monaten übernommen. „Ich habe kein Modedesign mehr studiert, weil ich gesehen habe, dass meine Kolleg*innen mit diesem Abschluss alle dasselbe machen wie ich!“ Eva ist ohne Studium in ihrem gewünschten Berufsfeld angekommen. Wie war das doch gleich mit der künstlerischen Eignung? Doch drei Jahre später zog es sie in den Hörsaal und heute studiert Eva Digitale Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Auch sie wollte mehr und wagte den Schritt. Doch wie ist es mit Mitte 20 noch einmal zu studieren?

Studieren mit Mitte 20 – Privileg statt Pflicht

Für Eva ist das Studium ein Privileg, genau deshalb genießt sie jeden Moment ihres Studiums. Auch sie kommt aus einer Arbeiterfamilie und ist zusammen mit ihrem Bruder die Erste, die studiert. Sie liebt es, dass sie die Chance bekommen hat und will sie nutzen. Erzählt sie von ihrer Hochschule, klingt alles wundervoll. Ganz im Gegensatz zu meinen Erfahrungen. Verfügbare Studienplätze: 117.

Angenommene Student*innen: 440. Von überfüllten Hörsälen hat sicherlich jede*r schon einmal gehört. Aber Woche für Woche auf der Fensterbank sitzen oder in der fünften Reihe am Ein- und Ausgang stehen, um dem Monolog der Redner*in zu lauschen, so stellt sich niemand sein Studium vor. Alle anfängliche Motivation ist schnell dahin, so dass bald genügend Plätze vorhanden sind – weil niemand mehr kommt. Auch die Seminare sind mit 50 Leuten mehr als überfüllt. Hier gewinnt, wer die meisten Fremdwörter in einen Satz packen kann und den Text von letzter Woche gut auswendig gelernt hat.

Denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie kennen es nicht anders. Mit 18 Jahren an die Universität zu kommen, nach einem Abitur mit G8. Ihr Leben lang haben sie alle Dinge, die ihnen vorgelegt wurden, ohne mit der Schulter zu zucken, auswendig gelernt. Die Universität als freier Raum für Gedanken und neue Ideen? Das mag zu Zeiten von Goethe und vor Bologna gewesen sein. Heute sieht alles anders aus. Die einen studieren unter Leistungsdruck, den sie seit der Grundschule kennen. Andere kommen mit der „Ich studiere das und dann gucke ich mal“-Einstellung an die Universität, weil sie noch nicht wissen, wer und vor allem was sie sein wollen.

Studieren und Arbeiten – unglaublich aber wahr!

Arbeiten neben dem Studium? Für viele Professor*innen unvorstellbar. Schließlich ist das Studium unser Vollzeitjob. Doch nicht jede*r kann sich das leisten. Ich selbst habe mein gesamtes Studium 20 Stunden die Woche gearbeitet, um mir mein Leben finanzieren zu können. „Schau mal Mathilda, pass schön in der Schule auf, damit du nicht wie dieser Mann hinter der Kasse stehen musst, wenn du groß bist!“ Wer arbeitet ist dumm! Hier trifft die harte Realität auf Vorurteile der Gesellschaft. Was sagt uns die Aussage dieser Mutter? Mathilda wird später nie für ihren Lebensunterhalt während ihres Studiums arbeiten. Sie wird denken, dass sie jemand Besseres ist, allein durch ihren Bildungsabschluss. Arme Mathilda!

Wie es an der Filmuniversität von Eva aussieht? Ganz anders. Sie studiert in einem Jahrgang, der aus 19 Leuten besteht. „Haben sie noch Zeit, diesen Text zu lesen, oder wird das eher knapp?“ ist ein Satz, von dem ich nur träumen kann. Dozent*innen wissen um die Situation ihrer Studierenden. Liegt es vielleicht an der Hochschulform? Oder daran, dass die Lehrenden auch in der freien Wirtschaft arbeiten und daher wissen, wie das Studium im Jahr 2019 auszusehen hat?

Ich habe studiert, weil ich es für mich wollte. Es war ein persönlicher Luxus eine Geisteswissenschaft zu studieren. „So lange haben sie gelernt?“, wurde zu „Was macht man dann damit?“.

Bildungsweg

Was würdet ihr an eurem Bildungsweg ändern? Auszüge aus einer Umfrage von Vreni auf Instagram

Wenn das System dich verkennt – finde dich selbst

Ich reise in der Zeit und sehe mich in der 4. Klasse. Es ist das Jahr 1998 und ich habe wieder einmal eine 4 in Rechtschreibung. 2018 habe ich einen Abschluss in Deutscher Literatur und Linguistik. Wem ich das zu verdanken habe? Nicht dem Bildungssystem. Nicht meinen Lehrer*innen aus meinen ersten zehn Schuljahren. So etwas hat man sich selbst zu verdanken. Dem Glauben an sich selbst, den das Schulsystem schnell verliert und damit viele Schüler*innen mit fabelhaften Fähigkeiten auf ihrem Bildungsweg allein lässt.

Wenn es Eva und mir so geht, dann muss es da draußen doch noch viele andere geben, die sich ebenso für einen neuen Weg entschieden haben. Oder es sich nie getraut haben? Wir haben euch bei Instagram nach euren persönlichen Bildungswegen und Lebensläufen gefragt.

Viele von euch würden sich heute anders entscheiden und „früher anfangen, nach dem zu suchen, was mir wirklich Spaß macht“.  Die Suche nach dem, was uns beruflich erfüllt, scheint einen sehr großen Platz bei uns allen einzunehmen. Kein Wunder, denn schließlich verbringen wir alle mit unserer Arbeit mehr Zeit als mit der Familie, Freund*innen oder Partner*in. Warum also nicht mutig sein und das tun, was unser Herz uns sagt?

Es ist nie zu spät!

Auch das Sich-Zeit-Lassen ist eine der häufigsten Antworten. Nicht sofort mit dem Studium beginnen, sondern praktische Erfahrungen vor der Universität sammeln. Durch eine Ausbildung, durch Praktika, durch verschiedene Jobs. Wieso also eigentlich nicht den ein oder anderen Beruf einfach mal ausprobieren? Viele von euch hätten sich das gewünscht, doch auch hier greift wieder einmal unsere Gesellschaft in unsere Entscheidungen ein. Zu früh mussten sich die meisten für einen Beruf entscheiden. Haben ihn unsere Eltern meist ihr ganzes Leben ausgeführt, lösen wir uns immer mehr davon und wollen uns ausprobieren. Wir können mehr sein.

Wer ich heute bin? Fragen wir meinen Lebenslauf: Friseur, PR-Assistent, Kunsthistoriker, Philologie, Redakteur, Stylist. Für mich ist der ungerade Weg der richtige. Er hat mich zu der Person gemacht, die heute diesen Text schreibt. Ich würde diesen Weg immer wieder so gehen, weil er mich dort hingeführt hat, wo ich hinwollte. Ich brauchte eben nur ein wenig länger.

Und diese Zeit sollten wir uns alle nehmen. Einige von euch sind aus Angst und Panik sofort zu Plan B übergegangen. Es ist nie zu spät, Plan A in Angriff zu nehmen. Ihr solltet herausfinden, was zu euch passt. „Ich würde mehr auf meine innere Stimme und meine Talente, als auf die Vernunft hören.“ Ein Thema, das viele von euch beschäftigt. Es ist schwer, auf seine innere Stimme und Talente zu hören, wenn wir uns in einem Schul- und Bildungssystem befinden, dass es uns oft nicht leicht macht, diese auszuleben. Aber es funktioniert. Habt mehr Mut zur Lücke in eurem Lebenslauf. Richtet ihn nicht nach eurer Familie oder möglichen Arbeitgebern, sondern nach euch.

Eines kann ich euch heute schon sagen: am Ziel bin ich noch lange nicht!

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Karl über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.