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Auswandern – Über Mut, Freude und Ängste

Vor knapp zwei Jahren lernt die Wahlberlinerin Elsa ziemlich überraschend ihren heutigen Freund auf einem Städtetrip in Mailand kennen. Vor vier Wochen ist sie zu ihm gezogen – nach Italien. Wir sprechen mit ihr über das Auswandern, Vorfreude und auch Ängste. 

Was mit einem Tinder-Date beginnt, wird zu einer Fernbeziehung zwischen Berlin und Mailand. Während eines Urlaubs lernt Elsa ihren heutigen Freund Luca kennen. Nach knapp zwei Jahren wandert sie nach Italien aus. Heute ist sie seit einem Monat in Mailand. Wir schauen gemeinsam zurück auf die Entscheidung und wagen einen Blick in die Zukunft.

Fernbeziehung – Arbeiten für das Wochenende

Eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Mailand bedeutet mehr als ein fabelhaftes Wochenende in Italien zu verbringen. Freitags nach der Arbeit hin-, sonntags zurückreisen. Um kurz vor 0 Uhr in Berlin landen und mit viel Glück gegen 2.00 Uhr im Bett liegen. Um 7.30 Uhr wieder aufstehen. Unausgeschlafen in eine neue Woche Woche starten – um im Büro auf den kommenden Freitag hinzuarbeiten. Es kostet also nicht nur viel Geld, es ist zudem stressig. Was mit der Zeit zum neuen Alltag wird, kann jedoch die starke Sehnsucht, einfach spontan sein zu können, um bei ihm zu sein, nicht mindern.

Elsa vor dem Mailänder Dom - Der Tag vor dem ersten Treffen mit Luca. Daneben der Flug über die Alpen, zurück nach Italien und das erste gemeinsame Foto.

Elsa vor dem Mailänder Dom – Der Tag vor dem ersten Treffen mit Luca. Daneben der Flug über die Alpen, zurück nach Italien und das erste gemeinsame Foto.

Zu mir oder zu dir?

Die Lösung? Zusammenziehen. Schließlich können so Zeit, Kosten, Aufwand und Emotionen gespart werden. Mit so einem Plan kommt die große Frage auf: zu mir oder zu dir? Wer zieht wohin? Er nach Berlin oder sie nach Mailand? Bei allen Überlegungen wird schnell klar: einen italienischen Mann von seiner Familie wegzubekommen, das ist gar mal nicht so einfach. Elsa selbst war in dieser Zeit endlos gestresst. Vom Reisen, von ihrem Job, von Berlin, von sich selbst, von der ganzen Welt. Eine Veränderung musste her. Also warum nicht nach Italien ziehen? Nochmal neu anfangen. All den Stress hinter sich lassen und schauen, ob sich „La dolce vita“ besser anfühlt.

Auswandern als Weg der Besserung

Elsa erzählt ihrem Freund von diesem Verlangen. Seine Antwort: „Komm‘ nach Italien, wir fangen hier neu an, zieh‘ zu mir.“ Da ist er plötzlich. Dieser eine Satz, der sie unmittelbar nach Italien führen sollte. „Wenn nicht, kann ich ja immer wieder zurückkommen“. Sie  wandert aus, der Plan steht! Ein halbes Jahr später geht es dann mit dem Umzugswagen wirklich nach Mailand.

Fernweh vorprogrammiert. Die Straßen und die Landschaft Italiens.

Fernweh vorprogrammiert. Die Straßen und die Landschaft Italiens.

Alles in Sack und Tüten

Wem würdet ihr als erstes von eurem Plan berichten? Bei Elsa sind es drei sehr gute Freunde. Mehr nicht. Das hat auch mit einem kleinen Aberglauben zu tun. „Wenn man Dinge oder insbesondere Vorhaben erzählt, die noch nicht in Sack und Tüten sind, werden sie nicht passieren“.  Kurze Zeit später erzählt sie es auch ihrer Mutter. Die Angst, ihre Tochter auf diese Distanz zu verlieren, ist groß bei ihr. Je mehr Zeit vergeht, desto besser kann sie damit umgehen und gibt Elsa heute das Gefühl, das Richtige zu tun.

Der Job als PR-Beraterin und die Wohnung sind gekündigt, andere bürokratische Dinge in die Wege geleitet, jetzt kann sie es nicht mehr für sich behalten. Für die Menschen in ihrem Umfeld ist die Entscheidung keine große Überraschung, viele ahnen es. Den gefassten Entschluss zu hören, ist jedoch etwas anderes. Dass irgendwann einer fallen musste, war allen bewusst. Auch ihrer Mutter.

Zeit zu zweit war lange nur auf das Wochenende begrenzt

Zeit zu zweit war lange nur auf das Wochenende begrenzt.

Die Phasen des Abschieds

Er wird ernst. Umzug planen, Möbel für die neue gemeinsame Wohnung in Italien aussuchen. Wenn sie es heute betrachtet, fühlt es sich an, als hätte sie das alles nicht für sich, sondern für jemand anderen organisiert. So richtig realisiert hat sie es in der heißen Phase nicht. Es fühlte sich einfach immer so weit weg an. Bis zum letzten Arbeitstag. Ab da gibt es keinen Alltag mehr. In Phase 2 des Abschieds heißt es: Kisten packen, Abmelden beim Bürgeramt, Abschiedsparty planen und weitere To Dos von der langen Liste abarbeiten.

Plötzlich hat sie verstanden, dass sie in drei Wochen weg sein würde. Weg von ihren Freunden, ihrer Familie, ihrer Wohnung, all den Dingen, die sie an Berlin liebt. Zweifel kommen auf. Ist es die richtige Entscheidung? Muss ich das jetzt überhaupt schon wissen? Was, wenn es nicht klappt? Ist er der Richtige? Werde ich glücklich sein? Werde ich mich wohlfühlen? Was, wenn ich das doch nicht kann? Torschlusspanik macht sich breit. Die Vorfreude schwindet und anstatt Kisten zu packen, verabredet Elsa sich mit Freunden. Immer in dem Bewusstsein, dass diese Momente bald fehlen werden.

14 Stunden war die gemeinsame Zukunft entfernt. In Mailand angekommen, herrschte Umzugs-Chaos (Bei den Pflanzen nicht)

14 Stunden war die gemeinsame Zukunft entfernt. In Mailand angekommen, herrschte Umzugs-Chaos (Bei den Pflanzen nicht).

„Keine Wohnung in Deutschland“

Kurz vor dem Auswandern steht der Weg zum Bürgeramt an, um sich dort offiziell von Deutschland abzumelden. Angekommen, Platz genommen und kurze Zeit später klebt ein Sticker über dem Adressfeld ihres Personalausweises: „Keine Wohnung in Deutschland“. Ist das wirklich der offizielle Sticker für Menschen, die auswandern und Deutschland verlassen? Ist er.

Dann ist er da, der Umzugstag und mit ihm die gemeinsame 14-stündige Autofahrt nach Mailand. Die sich unverhofft großartig anfühlt. Freude, Lachen, keine Tränen – Italien kann kommen.

Blick in schöne Zeiten, von denen es noch mehr geben wird.

Blick in schöne Zeiten, von denen es noch mehr geben wird.

Leben wo andere Urlaub machen

Ein Monat ist der Umzug nun her. Heute blickt Elsa von ihrem Balkon in die nur 45 Minuten entfernten Alpen. Der Gardasee ist eine gute Stunde entfernt, das Meer 1,5 Stunden. Umgeben zu sein von all den traumhaften Orten, die sich so sehr nach Urlaub anfühlen, ist für sie etwas Wundervolles. Wäre da nicht diese große Sehnsucht nach den „Herzmenschen“, die sie in Berlin lassen musste. Noch gibt es niemanden, den sie spontan anrufen kann, um sich zu treffen. Zwar gibt es Lucas Freunde, die über all die Zeit auch ihre Freunde geworden sind, aber das ist anders. Trotzdem ist es etwas Bekanntes, denn auch damals, als sie nach Berlin zog, hatte sie nicht direkt einen Freundeskreis. „Zu wissen, dass es diesen 1000 Kilometer weit gibt, macht mich manchmal etwas traurig. Aber auch glücklich“.

Auswandern und leben wo andere Urlaub machen - ein Traum für viele.

Auswandern und leben wo andere Urlaub machen – das muss kein Traum bleiben.

Ein Stück Unabhängigkeit geht verloren – vorerst

Normalerweise ist Elsa ein sehr unabhängiger und selbstständiger Mensch. In Mailand bisher nicht. Zum einen mag dies an der Sprachbarriere liegen, zum anderen an all den Unsicherheiten, die sie in ihrem neuen Alltag mit sich herumschleppt. Der Intensivsprachkurs beginnt in wenigen Tagen. Mit ihm ist sie gut beschäftigt und kann langsam einen eigenen Alltag aufbauen.

Ihr Wunsch für die Zukunft?  „Dass ich mir in dieser beruflichen Auszeit, die ich mir ganz bewusst nehme, noch einmal stärker schaue, wo ich hin möchte. Und dass ich nach Beendigung des Sprachkurses einerseits nicht nur fit in Italienisch bin, sondern auch einen Job finde, der besser zu mir passt als die bisherigen.
Ich wünsche mir, dass ich gut ankomme, also noch mehr, dass ich nicht jeden Tag an Berlin und die Menschen da denken muss – natürlich will ich nichts und niemanden vergessen, mich nur weniger davon bestimmen und leiten lassen. Ich möchte den Gedanken loswerden, in meiner alten Welt etwas zu verpassen. Aufhören, Dingen und Momenten hinterher zu trauern und mich ganz offen alldem hingeben, was hier auf mich wartet.
Ich möchte meine Balance finden, genau wie ich das auch immer in Berlin wollte, und irgendwann mit meinem Korb auf dem Markt frische Zitronen und Artischocken einkaufen gehen. Vielleicht dabei ganz nett und selbstverständlich mit dem Verkäufer über dies und das plaudern. So ganz normale Situationen erleben, die mich daran erinnern, dass das alles richtig war. Freunde aus Berlin empfangen, ihnen ganz euphorisch die Welt zeigen, in der ich jetzt lebe und mit ihnen dennoch und umso mehr jede Minute genießen, die wir zusammen verbringen. Und ich möchte gute Freunde hier finden. Menschen mit denen ich nicht nur lachen, sondern auch weinen und schimpfen kann.“

Der Blick in die Zukunft? Atemraubende Natur Italiens.

Wanderlust – Der Blick in die Zukunft? Folgt Elsa auf ihrer neuen Reise bei Instagram

Ich bin hier, weil ich dort wo ich war mal weg musste

Auswandern als ein Sprung ins kalte Wasser, eine große Herausforderungen. Wenn es bei dem Thema auszuwandern um die Frage nach dem Warum geht und sie diese mit „wegen meines Freundes“ beantworten würde, wäre das nur die halbe Wahrheit. „Ich habe das auch wegen mir gemacht, ich glaube sogar vordergründig. Ob es ohne ihn Italien geworden wäre? Wahrscheinlich nicht. Aber ich bin auch hier, weil ich da wo ich war mal weg musste. Um mich neu zu sortieren. Zu schauen, was ich eigentlich will. Wohin ich eigentlich will.“ Wohin genau, das wird sich zeigen. Elsa ist einen großen Schritt gegangen. Hat ihre Komfortzone verlassen, etwas, das nie einfach ist. „Aber es ist besser, als es nicht zu wagen.“

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Jasper über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.