TOP

2059 – Ein Brief aus der Zukunft

Wir schreiben Briefe an unser jüngeres Ich. Fragen uns, was wir uns selbst mit auf den langen Weg geben würden, den wir bereits gegangen sind. Was aber, wenn wir Post aus der Zukunft bekommen? 
Unser gegenwärtiges Ich fragt sich, was es verändern kann. Fragt sich, ob es die Fehler wiederholen sollte, aus denen es gelernt hat, oder, ob es sie aus unserem Leben streicht. Fragt sich, ob es einen anderen Weg einschlagen sollte, oder es sich auf dem richtigen befindet. Bis wir Post bekommen. Ein Brief aus dem Jahr 2059.

Post aus der Zukunft

Liebster Stefan,
ich schreibe Dir, meinem jüngeren Ich, aus dem Jahr 2059. Wir, die Welt, haben Jahre voller Katastrophen hinter uns. Eine große Flut über Europa, der Zusammenbruch der europäischen Wirtschaft und Kriege bestimmten die letzten Jahrzehnte. Dreizehn Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen.

Der dritte Weltkrieg hat mich und unsere Welt verändert. Er war anders als seine Vorgänger. Ein Krieg der Mathematiker. Sie kontrollierten die größte Kriegswaffe unserer Zeit: Daten und Informationen. Er war ein Krieg, in dem Du dich 2019 bereits befindest. Allerdings bemerkt es niemand. Denn er wird nicht territorial geführt, sondern zeitlich.

Die Entwicklung und der schnelle Fortschritt digitaler Technologien haben ihn ausgelöst. Schon 2019 beeinflussen sie dein Leben in jeglicher Beziehung. Kaum ein Bereich in deinem Leben wird sich jemals so rasant entwickeln wie die digitalen Technologien. Immer öfter bist Du immer länger online und erzeugst dabei ständig neue Daten, die mit Informations- und Kommunikationstechnologien sowohl transportiert als auch ausgewertet werden. Dies hat nicht nur Auswirkungen, die dich selbst betreffen, sondern auch die Gesellschaft, in der Du momentan lebst und in der ich heute lebe. Immer mehr ehemals eigenständige Technologien verschmelzen miteinander. Deine und meine reale Welt mit der virtuellen. Momentan löst die Digitalisierung eine weitere, unsere bereits 4. Industrielle Revolution aus, doch wendet sie sich genau in diesem Moment in einen Krieg um Daten und Informationen.

Die Hitze der Städte

Der letzte Winter ist nun 10 Jahre her. Schnee gibt es schon länger nicht mehr, aber in 20 Jahren wird die Temperatur nie wieder Minusgrade erreichen. Berlin ist eine Stadt der Hitze. Was Du 2018 noch einen Jahrhundertsommer nennst, ist heute Normalität. Alle anderen sind gegangen, ich aber habe Berlin nie verlassen. Schon lange ist es nicht mehr die Stadt, die ich vor 46 Jahren kennengelernt haben.

Wir wohnen am äußersten Rand der Stadt. In deiner Zeit ist dieser Ort noch in Brandenburg. Berlin ist gewachsen. Nicht nur geographisch, auch an der Einwohnerzahl. Über 9 Milliarden Menschen leben 2059 auf unserer Erde. Genauso wird die Einwohnerzahl Deutschlands wachsen. Ein Grund dafür ist der stärker werdende Klimawandel. Die Erde hat sich aufgeheizt. Schneller als wir es Anfang des Jahrhunderts noch dachten. Obwohl es so heiß ist wie noch nie und das gesamte Jahr über Sommer ist, sind wir eines der Länder in Europa, mit dem angenehmsten Klima. 200 Millionen Klimaflüchtlinge zählen wir bereits im Jahr 2050. Immer mehr Menschen kommen in die neuen Megametropolen. Eine von ihnen ist Berlin. Eine Stadt des Fortschritts, die heute mehr Wolkenkratzer hat, als Hong Kong jemals haben wird. Nicht die Natur zieht mich aus dem Innersten der Stadt, denn diese ist längst auf allen Ebenen der Hochhäuser angekommen. Es sind Kosten, die dich vertreiben werden. In ländliche Regionen des neuen Berlins – die Schattenseite der Urbanität. Denn diese Regionen fallen seit Jahren zurück.

Der Klimawandel beschleunigt sich von Jahr zu Jahr. Unsere Umweltsituation ist katastrophal. Im Jahr 2025 gibt es die erste Quote für Elektroautos. Nicht einmal 20 Jahre später rollen nur noch Batterie-elektrische Autos und Plug-In-Hybride über die Straßen. Der Traum von fliegenden Autos ist erst heute kurz vor seinem Durchbruch. Autoabgase in Innenstädten sind längst Geschichte. Dafür entwickelt sich seit dem Autofahren mit Strom eine immer größer werdende Debatte um die Auswirkungen von Elektrosmog auf unsere Umwelt.

Fremdbestimmt durch Algorithmen

Zukunft

In der nahen Zukunft wirst Du, wie alle anderen auch, mit einem persönlichen, digitalen Assistenten leben. Hast Du im Jahr 2019 noch smarte Sprachassistenten, denen Du deine Fragen stellst, wenn nach Antworten oder Informationen gesucht wird, stelle ich 2059 schon seit langer Zeit keine Fragen mehr. Sicherlich willst Du nun wissen, warum das so ist. In der Zukunft wird niemand mehr Fragen stellen, denn die Informationen kommen zu uns – sie finden uns. Haben persönliche Assistenten früher geschäftliche Termine vereinbart, organisieren und bestimmen sie heute dein gesamtes Privatleben. Nicht nur unsere Arbeit und Freizeit, auch unsere Beziehungen werden von Algorithmen bestimmt. Man könnte meinen, es läuft alles gut, oder? Maschinen sind menschlicher geworden als du es dir gerade ausmalen kannst. Drohnen können an Flugangst leiden, andere Roboter an posttraumatischen Belastungsstörungen. Menschen hingegen werden zu Maschinen mutieren, wie wir sie uns früher immer vorgestellt haben.

Wir haben uns alle voneinander entfremdet. Der Mensch von seinen Mitmenschen. Der Mensch von sich selbst. Schuld sind technologische Innovationen. Ich muss das Haus nicht mehr verlassen, um die Welt zu erkunden. Augmented Reality nahm dem Menschen die Wanderlust. Niemand packt mehr seinen Koffer, um sich an traumhaften Stränden zu sonnen. Das Geschäft des virtuellen Reisens boomt, weil das Fliegen in der Zukunft für alle zum Luxus wird. Warum? Weil die Preise für Erdöl ins unermessliche steigen.

Am Ende der Welt

Was, wenn ich dir heute sage, dass Du eines Tages am Ende unserer Welt ankommen wirst? Dein Leben lang glaubst Du zu wissen, dass sie keine Scheibe ist. Doch an jenem Tag wirst Du an der Klippe unserer Welt stehen. Das Konstrukt, das wir uns über Jahrhunderte sorgfältig erbaut haben und innerhalb eines Augenblicks wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen könnte, wird instabil. Noch hast Du die Zeit es zu ändern. Du kannst die digitalen Technologien nutzen, um die Welt zu verbessern. Der Klimawandel kann nicht mehr abgewendet werden, aber Du und alle anderen, Ihr könnt der Welt helfen ihn zu meistern. Wo zu deiner Zeit Eisberge beginnen immer schneller zu schmelzen, kennen Kinder sie bereits in den 40er Jahren nur dank eines Blicks durch eine VR Brille. Spanien und Italien als europäische Wüstengebiete? Wassermangel auf der ganzen Welt? Ihr könnt euch für ein bewusstes und nachhaltiges Leben entscheiden und eine Verknappung unserer Ressourcen verhindern. Willst Du die Erinnerungen deiner Kindheit bewahren? Für alle in der realen Welt sichtbar? Diese, deine und unsere Welt, ruft um Hilfe. Ich bin heute 70 Jahre alt, unsere Erde mehr als 4,5 Milliarden Jahre. Wir werden vor ihr gehen und sollten einen Fussabdruck hinterlassen, den sie in guter Erinnerung behalten kann. Nutz deine Chance.

Dein zukünftiges Ich!

Berlin, 21. Januar 2059

Dieser Artikel bezieht sich unter anderem auf folgende Quellen: Bundesministerium für Forschung und Bildung , Technik und Ideen für morgen, sowie Marc Uwe Kling, Qualityland. Vorschaubild: Photo by Alexander Andrews & Kelly Sikkema on Unsplash

Stefan ist tapferes Schreiberlein, Stylist und Schöngeist. Seine Vorliebe für die Farbe Schwarz reicht von seinem Kater Karl über Mode bis hin zum Schwerpunkt seines Kunstgeschichtsstudiums. Er sammelt Docs, hat ein Faible für Bundfaltenhosen, trägt jedoch trotz seines Nachnamens nie eine Uhr.